Allbewusstsein

Wir Menschen haben schon etliche zivilisatorische Phasen hinter uns, die uns jeweils durch die vorherrschende Technik in unserem weltanschaulichem Paradigma prägten.
Eine wichtige Phase, welche den von der Religion geprägten Zeiten folgte, war/ist eine Zeit in welcher die Materie im Mittelpunkt stand/steht (ganz haben wir diese Zeit noch nicht hinter uns gelassen). Materie wie man sie formen und hämmern kann. Sie brachte den Materialismus. Man glaubte Materie sei das einzig Wahre und außer ihr gäbe es nichts.

Jetzt haben die Computer einem neuen Zeitalter zum Aufstieg verholfen. Es ist das Zeitalter der Information. Die Bedeutung, die zuvor der Materie zugeordnet wurde, wird jetzt zunehmend der Information beigemessen. Alles trägt Information in sich, ob Welle, Struktur, Partikel oder was auch immer. Vielleicht kommen wir einmal in ein Zeitalter, in dem der Glaube vorherrscht, dass hinter jeder Information eine organisierende, bewusste Intelligenz steht - Leben, Bewusstsein.

Nach der Lehre des spirituellen Tantra ist das Universum ein ungeteiltes Bewusstsein, eine alles durchflutende Lebenskraft. Alles, selbst die "tote" Materie kann Informationsträger dieser kosmischen Lebenskraft sein. Da wir ebenfalls Teil der universellen Lebenskraft sind, können wir als Teil mit dem ganzen in Verbindung treten. Das können wir in direkter Weise und auch in indirekter Weise, indem wir einzelne Aspekte, wie zum Beispiel die Kundalini, wie einen Spiegel verwenden können, um in ihr das Arbeiten und Wirken des Allbewusstseins in uns als formende Lebenskraft zu erkennen.

Wenn wir solcherart der Kundalini gegenüber treten, in ihr einen Aspekt der kosmischen Lebenskraft sehen, dann ist die Kundalini nicht nur Kraft, nicht nur der Träger aller unserer vitalen Informationen, sondern sie ist auch lebendig. Wir können dann mit ihr sprechen, sie um Hilfe und Unterstützung bitten. Und sie wird es tun!

Wir müssen keine komplizierten Atemübungen machen, Körperhaltungen und Vorstellungen von Farben und Buchstaben praktizieren, um die Kundalinikräfte in uns zu aktivieren. Wir können mit der Kundalini direkt kommunizieren, sie fragen, was sie behindert. Wenn wir gut nach innen lauschen, so wird sie uns sagen und uns helfen die Hindernisse zu beseitigen. Zusammen mit ihrer Hilfe können wir viel rascher voran kommen als mit Methoden und Techniken. Es ist für uns ein ungewohnter Vorgang mit einem inneren Energiewesen zu kommunizieren. Wenn wir uns jedoch in den Strom des Lebens einfügen, uns von diesem Strom tragen lassen und nicht versuchen zu beherrschen und zu verfügen, so wird uns mit Leichtigkeit das geschenkt, das anderen versagt bleibt, die durch Techniken Macht und Kontrolle gewinnen wollen.

Mit der Kundalini zu sprechen oder über wortlose Empfindungen mit ihr Informationen auszutauschen, das mag manchem sehr märchenhaft erklingen. Deshalb will ich das Prinzip, das nach tantrischer Auffassung dem zugrunde liegt, genauer erklären:
Das Universum ist wie ein Kristall aufgebaut. Nehmen wir als Beispiel einen Salzkristall. Dieser ist ein Würfel. Wenn wir diesen Kristallwürfel zerschlagen wird er in etliche Teile zerfallen, an deren geraden Wänden wir erkennen, dass auch diese Teile aus vielen Würfeln zusammen gesetzt sind. Und in jedem Würfel sind noch kleinere Würfel enthalten, bis hinunter zum Molekül. Das kleine ist in seiner Form somit ein Spiegelbild des Großen.

Ein jeder Salzkristall besteht aus vielen Würfeln bis hinunter zum Molekül

Der Salzkristall kann als Analogie zu der Struktur des Lebens im Universum gelten. Im kleinen Leben, in uns zum Beispiel, spiegelt sich die große, allumfassende kosmische Lebenskraft - Gott, oder wie immer wir diese kosmische Lebenskraft nennen wollen. Namen sind hierbei bedeutungslos, das Prinzip ist das Wichtige. Die kosmische Lebensdynamik nennen die Inder Mahadevi oder Mahashakti, um nur zwei Bezeichnungen von vielen zu nennen. Diese kosmische Lebensdynamik ist sozusagen eine kosmische Kundalini, eine lebendige Kraft - alles, das von Gott kommt ist lebendig. Unsere Kundalini ist ein kleines Abbild von ihr - und auch lebendig, eben wie alles, das von Gott kommt. Und weil unsere Kundalini lebendig ist und mit der großen Allkraft verbunden ist, können wir mit ihr kommunizieren. Das ist das Geheimnis - einfach und doch für viele unglaubhaft, leider.

Meine Begegnung mit der Kundalini (Gauri)

Ich war in Versenkung, da merkte ich wie meine Kundalini auf ihrem Weg nach oben dazwischen liegende Blockaden beseitigte. Dies ging mit einem inneren Beben einher, welches mich aus meinem Sitz in die Höhe fahren liess. Es war heftig, etwa als ob ich auf einer schleudernden Waschmaschine sitzen würde. Aber ich blieb ruhig, um diesen reinigenden und befreienden Vorgang nicht zu stören. Ich ließ es geschehen und vermied es, mich in diesen inneren Prozess einzumischen. Weil ich die Kundalini aus Angst und Unwissenheit jahrelang unterdrückt hatte, litt ich bereits an einigen Krankheiten wie Kalkschulter, nächtlichem Angstzustand und Depressionen. Ich wusste einfach nicht, was ich tun sollte, was das in mir war und fürchtete mich davor. Doch jetzt, als ich es zu ließ, spürte ich: es war eine heilende Kraft, die seit Jahren nach Entfaltung verlangte.

Jetzt hatte ich es geschafft! Ich hatte die Kundalini wahrgenommen und akzeptiert. Und nun machte sie das, was sie durch Jahre schon längst tun wollte: sie stieg nach oben und reinigte die Energiekanäle in mir. Ich spürte diese Veränderung in mir in Form eines physischen und psychischen Wohlseins.

Nach diesem ersten Erlebnis war es nicht verwunderlich, dass meine Interesse an ihr enorm gestiegen war. Und so hatte ich mich diesmal hingesetzt und wartete gespannt darauf, was die Kundalini diesmal „anstellen“ würde. Diesmal konnte ich sie als Schlange wahrnehmen und als solche sehen. Das gab mir ein klareres inneres Bild. So konnte ich jedezeit erkennen, wo sie sich befand. Zudem erkannte ich, dass die Kundalini nicht bloß eine unbelebte Kraft ist, die ihren Weg sucht, etwa so wie Wasser, das über die Ufer tritt. Nein, es war eine Kraft, in der sich eine höhere Intelligenz zeigte und die auch ein Gemüt hatte, je nachdem ob sie ruhte oder aktiv war, sich wohl oder gestört fühlte. Sie war lebendiger als ich, um Vieles wissender als ich und kräftiger als ich. Genau genommen kann ich mich mit dieser höheren Intelligenz in mir nicht vergleichen. Ich war nur ihr „Nest“ ihr Revier, ihr „Schützling“. Sie war an einem perfekten und harmonischen Zusammenleben interessiert. So ist eben ihre wahre Natur.

Nun saß ich da, lauschte in mich hinein und beobachtete sie. Es ging mir jedoch zu diesem Zeitpunkt seelisch nicht gut. Ich hatte Kummer. Dieser kam von dem vielen Stress und den Alltagssorgen, dass mich plagten. Daher konnte ich mich nicht konzentrieren und ging unbewusst meinen Gedanken nach. Ich driftete weg und vergaß, was ich eigentlich vor hatte. Ich hörte auf mich zu versenken und die Kundalini zu erfühlen. Dessen wurde ich mir erst einigen Minuten später bewusst. Ich mobilisierte wieder meine Kräfte und richtete meine Aufmerksamkeit jetzt gezielter und kraftvoller auf die Kundalini. Wo war sie? Was tat sie?

Ich suchte nach ihr in der Steissbeingegend. Dort sollte sie eigentlich eingerollt ruhen. Aber sie war nicht da. Ich war verwundert. Ich suchte den Rücken ab und konnte sie auch da nicht ausmachen. Sie war dort nicht zu finden.
Dann sah ich sie, besser gesagt, ich spürte sie. Sie war in meinem Bauch. Ich sah sie darin wie einen großen Ball eingerollt. Sie füllte den gesamten Bauchraum. Sie war hellwach - und sie hatte was vor, das empfand ich. Aber was sie vor hatte empfand ich nicht. Sie ließ es mich nicht wissen - das war mal typisch für die Kundalini, wie ich auch später öfter feststellen musste.

Wie ich so überlegte und sie auch fragte, was sie denn in meinen Bauch da mache, hob sie ruhig ihren Kopf und fing an nach oben zu steigen. Schnurgerade! Sie stieg durch den geraden und vertikalen Energiekanal, der vorne parallel zur Wirbelsäule verläuft. Ich schaute still zu und war nicht imstande darüber nachzudenken. Ich war ganz von der Wahrnehmung absorbiert. Sie.

So glitt sie also langsam aber entschlossen hoch und als sie die Höhe des Solarplexus passierte, sah ich, dass sie mit dem Kopf einen grossen dunklen Ball vor sich her schob. Sie kam immer höher bis zu meinem Mund und als ich sie dort spürte, musste ich den Mund unwillkürlich weit aufsperren. Dann atmete ich aus, so lange, dass ich schon dachte, ich würde die Seele aus dem Leib hinaushauchen. Zum Glück war es nicht so, sondern es war eine dunkle Luft oder luftartige Substanz, die ich ausatmete.

Später erfuhr ich von Vayu, meinem Guru, dass er vermute, dass die Kundalini all die negative Energie, die sich in mir durch die vielen Sorgen angesammelt hatte, als dunklen Energieball hinaus befördert hatte. Sie schob es durch meinen Mund, weil dichtere Energien wie Ektoplasma nicht über die Hautporen sondern über Körperöffnungen frei gesetzt werden. Die Kundalini hatte mich von den negativen, gestockten Energien befreit. Die Erklärungen stimmten retrospektiv mit meinen Empfindungen überein, denn sobald ich ausatmet hatte, war ich von einer unerklärlichen inneren Ruhe erfüllt. Mein Inneres fühlte sich leer gefegt und gereinigt an und ich fühlte mich in Stille und Ruhe eingebettet. Ich hatte kein Bedürfnis zu reden, zu denken oder irgendetwas zu tun. Das einzige Bedürfnis war in mir zu ruhen. Die Kundalini ihrerseits stieg wieder nach unten und rollte sich in ihrem „Schlafplatz“ ein. Es schien nach der Arbeit zu ruhen. Sie fühlte sich sanft und still an.

Bei dieser Betrachtung überkam mich ein überwältigendes Dankbarkeitsgefühl. Ich liebte sie. Ich liebte sie für ihre selbstlose Hilfe, die sie mir entgegen brachte, ohne dass ich sie darum bat. Sie half mir und erfüllte mich mit innerer Ruhe. Die Sorgen, die mich vorhin geplagt hatten, waren verschwunden. Ich war frei vom Kummer. Das Gift der inneren Zerwürfnis war ausgeschieden, ich fühlte mich rein, gestärkt, voller Zuversicht und Frieden. Ich sah der Zukunft ohne Sorgen und Ängste entgegen, Dank der Kundalini.

Deshalb bedankte ich mich innerlich und still bei dieser hohen, intelligenten Energie, die mir in Form einer kleinen dunklen Schlange erschien. Ich fuehlte mich ihr vom ganzem Herzen verbunden. Zum ersten Mal überhaupt war ich froh und dankbar, sie in mir zu haben. Sie war ein Schatz. Das sagte ich ihr. Ich sagte ihr innerlich: Shakti, du bist ein Schatz!

Da erhob sie sich. Ich dachte “was jetzt?“ Ich spürte, wie sie sich diesmal durch die Wirbelsäule hoch schlängelte. Am Nackenchakra angelangt, kam sie raus. Noch nie hatte ich beobachtet, dass sie aus meinem Körper heraus käme. Nun war das der Fall und ich wusste nicht, was sie vorhatte. Für kurz war sie mit entschwunden. Ich gewahrte nur eine helldunkle Wolke, die mich umhüllte. Da wurde mir doch ein wenig mulmig.

Dann sah ich sie wieder. Ich sah wie aus der kleinen Schlange eine riesige Schlange geworden war. Jetzt war sie nicht mehr dunkel, sondern hell. Und sie leuchete. Sie hatte sich um meinen Körper gerollt. Mit dem Kopf ragte sie über mich hinaus. Ich war in ihr eingebettet. Ich lag in ihr wie ein Kind in der Wiege.

Gauri und die Kundalini

© Gauri, Regensburg

Nicht einmal als ich klein war und in den Armen meiner Mutter lag, habe ich mich je so sehr beschützt gefühlt. Die Kundalini hatte mich umarmt. Fest, sanft, liebevoll, entschlossen. Sie sagte mir dadurch: „ich bin immer bei dir“

Von da an habe ich nie wieder Angst vor der Kundalini gehabt. Unzählige Male habe ich sie gespürt, unzählige Male habe ich zu ihr gesprochen. Wie oft habe ich mit ihren Augen gesehen, mit ihren Ohren gehört und unzählige Male war ich durch sie mit der All-Liebe verbunden

Ich achte sie, weil sie unbestechlich ist. Sie hat keinen Sinn fuer iridische Wünsche. Das ist nicht ihr Gebiet. Sie mag keinen irdischen Wunsch erfüllen. Aber sie vermag einen aus den Zwängen und Ketten der irdischen Verstrickung und der sinnlosen Begierde zu befreien, wenn man dies möchte und es zulässt, wenn Du sie so akzeptierst, wie sie ist: ein Teil des Goettlichen in Dir, Dein Ticket zum Paradies. Ich liebe sie, weil sie reiner Natur ist, und weil ich weiß, dass sie nur mein Bestes will - die Verbindung zum Höchsten. Sie will aus mir eine Liebende und Wissende machen.


© copyright Alfred Ballabene, Wien