Die Geschichte des Asketen Surya

Es war ein Asket namens Surya. Er lebte zwischen Felsen und nieder wachsenden Gebirgssträuchern unterhalb der leuchtenden Schneegipfel. Außer einigen Wildtieren und kreisenden Adlern verirrte sich kein Leben dort hin.

Surya war das recht. Er liebte die Einsamkeit und das Leben in Versenkung. Niemand störte ihn, nichts lenkte ihn ab und entsprechend weit fühlte er sich fortgeschritten in seinem Bestreben, in das Sein jenseits von Raum und Zeit einzutauchen. Oft befand er sich in diesem Zustand, in einem verzückten ewigen Jetzt. Keine Gegensätze gab es da, kein Ich und kein Du. Alles war verzückende Stille, fern der alles verändernden Zeit. Weite war dort, ohne einengende Schranken, sofern man überhaupt von Weite reden konnte, dort wo es keinen Raum gab.

Surya war schon jetzt jenseits der Schöpfung, eingebettet in der Ewigkeit, gleich Shiva, der auf einem der Berggipfel, vielleicht nicht weit von hier, der Versenkung huldigte und die von ihm einst erschaffene Welt vergaß.

Eines Tages geschah etwas Seltsames. Sturm kam auf und eiskalter Regen peitschte auf die Felsen. Das war kein nennenswerter Vorfall für Surya, Sturm und Regen gab es hier oft. Seine Höhle gab ihm Schutz und das Unwetter brauste außen vorbei, fern seiner Wahrnehmung, gleich der Unruhe der Menschen in den Niederungen. Diesmal aber hatte sich eine alte Frau auf der Suche nach seltenen Heilkräutern in seine Gegend gewagt. Sie war zu weit von ihrem Dorf abgekommen und war glücklich in ihren durchnässten Kleidern eine Höhle als Unterschlupf gefunden zu haben. Es war die Höhle von Surya.

Die Frau erblickte den heiligen Asketen und ging auf Zehenspitzen zu einem Winkel der Höhle, um sich auszuruhen und etwas aufzuwärmen. Sie achtete das Bedürfnis nach Stille des Asketen und wollte unter keinen Umständen stören. Oft aber läuft es nicht so wie Menschen es gerne hätten. Ein kräftiger Husten durchschüttelte die Frau. Sie wollte den Husten unterdrücken, hielt sich die Hand vor den Mund, dass sie kaum atmen konnte. Ihr Körper aber kämpfte um Atem und Luft und sein Überleben.

Der Asket wurde aus seiner Versenkung geworfen und öffnete die Augen. Mit Empörung stellte er fest, dass eine Fremde sein heiliges Recht nicht respektierte und es sich in seiner Höhle bequem gemacht hatte. Er wies die Frau zurecht und deutete mit dem Arm zum Ausgang. Die Frau war empört und rief ihm zu: "Ein Heiliger und Erleuchteter willst Du sein, Du herzloser Mensch! Du kennst kein Mitleid und keine Liebe. So wie die kalten Steine um Dich herum, genau so bist Du selbst geworden!"

Der Asket war nach den Worten geschockt. Kalt und gleich den Steinen sollte er sein? Und es fiel ihm ein, auch die Steine existierten jenseits der Zeit, waren schon ewig hier. Nach vielen Jahren, das erste Mal seit seiner Kindheit, rannen dem Asketen Tränen die Wangen hinunter. Er hatte nur an sich und sein Heil gedacht, war der Welt entflohen und hatte die Liebe verlernt. Er bat die alte Frau um Verzeihung, und - als die Sonne wieder schien - nahm er ihr Bündel auf die Schulter und begleitete sie ins Dorf. Von dort zog er weiter, lernte die Menschen lieben und sang Lieder, erzählte Geschichten und gab den Menschen Mut.