Die bekanntesten Yogaarten

 Bhakti Yoga

Bhakta ist der vom Yoga verwendete Begriff für "Liebe", ein Sanskritwort. Sanskrit ist die Sprache der indischen Religionsgelehrsamkeit.

Unter Bhakti Yoga versteht man eine Yogadisziplin, welche die Liebe zum Hauptinhalt hat. Allerdings hat man früher und meist auch jetzt unter Bhakti Yoga ausschließlich eine Liebesverbindung zu einer Gottheit verstanden. Das kommt daher, weil man den Begriff "Liebe" im indischen Yoga viel stärker differenziert als im Westen. Diesbezüglich ist die Sprache nicht so verarmt wie hier. Was im Westen meistens unter "Liebe" verstanden wird, heißt in Indien "Kama" (Leidenschaft).

Dann gibt es noch Bhakta, worunter man eine religiöse Liebe versteht, vielleicht auch eine Nächstenliebe. Weitere Begriffe wie Prema und Bhava stehen für höhere religiöse Liebeszustände. Sicherlich war auch die Nächstenliebe dem Yoga nicht fremd. Tätigkeiten im Sinne der Nächstenliebe wurden und werden jedoch dem Karma-Yoga zugeordnet.

Die Liebe zu einem Menschen oder auch zu einem Tier oder zu Pflanzen entwickelt sich durch die Begegnung. Es ist ein Gegenüber notwendig, damit sich Liebe im Menschen entfalten kann. Eine Gottheit ist jedoch kein mit unseren Sinnesorganen wahrnehmbares Gegenüber. Vielleicht können wir unserer Gottheit einmal begegnen, bis dahin jedoch bleibt sie für uns unsichtbar und fern. Das erschwert die Bildung einer lebendigen, herzenswarmen Liebe. Deshalb hat der Yoga eigene Methoden entwickelt, die helfen sollen die Liebe zu einer Gottheit zu entfalten.

Über die wichtigsten und bekanntesten Methoden des Yoga soll anhand von Gedichten der Wanderasketin Lalla (etwa 1320 bis 1390) aus Kashmir berichtet werden.

97. JK Wegen der Liebe, die mich nicht ruhen ließ,

Ließ ich, Lalla, in meiner Suche nach Ihn nicht nach.

Ich quälte und quälte mich danach ab, Tag und Nacht.

Und dann, hola! Im glücklichsten Augenblick meines Lebens,

sah ich den Herrn in meinem eigenen Heim.

Anmerkung: mit "eigenem Heim" ist das Herzzentrum gemeint.

Zusammengefasst lässt sich also Folgendes sagen: Der traditonelle "Bhakti-Yoga" beinhaltet verschiedene Praktiken der Verehrung des göttlichen Prinzips in verschiedenen personifizierten Erscheinungsformen (Götter). Dazu gehören Japam = das Wiederholen von Gebetsformeln, Bajans = Lieder der Verehrung. In der neueren und westlich orientierten Form versteht man unter Bhakti Yoga das Entwickeln von Liebe und Verständnis zu unseren Mitmenschen und zur Natur.

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 Jnana Yoga

Jnana Yoga gilt als der Yoga des Wissens und des Erkennens. Meist wird hierbei Wissen und Erkennen intellektuell aufgefasst. Aber so ist es im Jnana Yoga nicht gemeint. Es wird ein Wissen und Erkennen durch Erfahren angestrebt und nicht durch intellektuelle Information.

"Wissen ohne Erfahrung führt in die Irre, Erfahren ohne Wissen führt ebenfalls in die Irre." (Ausspruch von Sadhu Aghoreswar)

Die vier Mittel der Erlösung im Jnana Yoga

Im Jnana Yoga versucht der Yogi/Yogini die Illusion der Schöpfung zu durchschauen. Dies ist im Zustand der Erleuchtung möglich. Der Weg dorthin ist weit. Der Jnana Yoga hat ein hierfür eigenes System entwickelt, welches in den vier Grundübungen besteht;

 Viveka (Unterscheidungsvermögen)

Viveka ist das Unterscheidungsvermögen, zwischen dem was von beständigem Wert ist (unvergängliche innere Werte) und dem Vergänglichen, das uns an die irdische Welt bindet. Um dieses Unterscheidungsvermögen zu entwickeln und zu festigen, gibt es die Suchfrage "Wer bin ich, woher komme ich, wohin gehe ich" (nach Ramana Maharishi ein Jnana Yogi der jüngsten Zeit).

Die Suchfrage erwirkt am Anfang des Yogaweges zunächst einen intellektuellen Impuls und verhilft zur Orientierung. Es führt zu einer Vertiefung der Frage nach dem Lebenssinn und der Zielsetzung des Yoga. Immer wieder während des Tages vor Entscheidungen und Beurteilungen wird diese Suchfrage innerlich wachgerufen, bis sie so tief eingeprägt ist, dass sie uns als Automatismus begleitet, womit die bewusste, mentale Durchführung dieser Version der Übung beendet ist.

Die Suchfrage festigt das Lebensziel (Selbstfindung) und zeigt im Kontrast hierzu die Alternative, nämlich der Kreislauf der nie enden wollenden Wiedergeburten. Die Wiedergeburten wurden in Indien in der Zeit von Lalla nicht als Schule des Lebens aufgefasst wie gegenwärtig. Das Prinzip der Evolution war den älteren Versionen des Yoga fremd. Die Geburt, ob in dieser oder einer jenseitigen Welt wurde als Bestrafung oder Belohnung gesehen. Endlos wiederholen sich die Geburten, bis einmal durch glückliche Fügung der Zustand des Moksha, der Befreiung erreicht wird.

Die Suchfrage des Jnana Yoga kennt verschiedene Schwierigkeitsstufen. 

  • Die Suchfrage am Anfang des Weges: Hier dient sie zur ideologischen Festigung der Absichten den Weg des Jnana Yoga zu gehen und die Erkenntnis des wahren Seins zu erringen. 
  • Fortgeschrittene Anwendung der Suchfrage: Nach der intellektuellen Rückfrage, die zu einer Festigung des Yogaweges und zum Unterscheidungsvermögen geführt hat, kommt eine sehr schwere Form der Suchfrage, in welcher das Denken zum Schweigen gebracht werden soll und die Antwort durch ein nach innen Lauschen erfolgt.

Um die vertiefte Suchfrage "Zieh Deine Aufmerksamkeit von außen zurück und richte sie auf Dein innerstes Selbst." durchführen zu können, bedarf es der Fähigkeit der Gedankenkontrolle und später die der Gedankenstille.

 Vairagya - Loslösung vom Vergänglichen (tantrische Vorgehensweisen)

Vairagya erfolgt in zwei Schritten: 

  • Der/die Yogaausübende führt sich die Vergänglichkeit des Lebens und aller Lebensgüter vor Augen. 
  • Objekte und Handlungen werden aus der Sichtweise des Vergänglichen beurteilt. (Ethische innere Werte und Lebenserfahrung werden als unvergänglich betrachtet)

Von den Anhaftungen an das Irdische frei zu werden ist eine schwere Aufgabe. Wir sind von Kindheit an durch Umwelt, Eltern und Gleichaltrige geprägt worden. Hierbei wurde uns beigebracht was im Leben schön und anstrebenswert ist. Reklame auf Schritt und Tritt hat auf uns eingewirkt, mit Hinweisen wie wir aussehen sollen und was wir konsumieren sollen, damit wir anerkannt und geliebt werden. Konsum, der uns glücklich macht. Alle die in uns aufgeprägten Wünsche sind in unserem Kopf verankert und von daher haben wir auch die Möglichkeit über sie zu siegen, vorausgesetzt, wir lernen unsere Gedanken und Wünsche zu kontrollieren.

Uns von Prägungen frei zu machen, ist gegenwärtig noch vordringlicher und um nichts weniger schwierig als damals zu Lallas Zeiten. Was damals starre soziale Traditionen waren, sind jetzt Gewohnheiten und Verhaltensweisen, die man annehmen muss, um "mit dabei zu sein". Wenn man sich in ungeschickter Weise davon löst oder zu schwach ist, um dafür einzustehen, dann isoliert man sich. Kleinweise und durch Kompromisse schaffen wir unseren eigenständigen Weg nie. So galt es damals im Jnana Yoga und so gilt es auch heute noch. Es erfordert ein generelles Umdenken. Manche glauben, dass das unmöglich sei, aber es ist nicht unmöglich!

Lal Ded, die berühmte indische Yogaasketin macht sich durch zahlreiche Verse selbst Mut:

20. of JK, 20. of NNK

Was anfangs bitter ist wird süß (Askese),

was anfangs süß ist wird Gift (weltliche Vergnügen).

 

2. of JK, 14. of BNP

Ich weine und weine um Dich (oh Shiva) aus tiefster Seele.

Die Welt umgarnt die Seele mit ihrem Zauber.

Selbst wenn sich jemand mit einer stählernen Ankerkette an sie klammert,

nicht einmal ein Schatten all der Begehrlichkeiten bleibt ihm nach dem Tod!

Wie nur kann jemand sein wahres Selbst vergessen?

Manche glauben, dass wir durch das "Nichtanhaften" an weltlichen Dingen weltfremd oder gar hartherzig werden. Das stimmt nicht. Man kann in der Welt leben, Pflichten und Aufgaben erfüllen und dennoch von weltlichen Dingen unabhängig bleiben.

Damals, in der Zeit Lall Ded´s, aber auch heute noch, gehört zum Aspekt des Viveka die Vorliebe der Tantriker sich der Vergänglichkeit durch die Nähe des Todes und intensiver Beschäftigung damit bewusst zu werden.

 Shad-sampat - Regeln für ein tugendhaftes Leben.

Das Paradies wird im Tantra als vergänglicher Ort der Belohnung gesehen. Sobald die Zeit des Genießens im Paradies vorbei ist, beginnt sich das Lebensrad wieder von Neuem zu drehen. Wiederum werden durch Verblendung Fehler begangen und wiederum erhält das Karma neue Impulse. Deshalb ist das Paradies kein Ziel, sondern nur ein weiterer Ort der Verblendung.

Gier, Unzucht und Eitelkeit - die Achse des Karma-Rades im Vajrayana Buddhismus (Ursachen der Wiedergeburt)

 Mumukshutva - der intensive Wunsch nach innerer Freiheit und Erkenntnis.

Erkenntnis ist hier nicht intellektuell gemeint. Eine jede Erkenntnis im Yoga baut auf Innenschau und Erfahrung auf, verknüpft mit Nachdenken.

Eines bringt der Jnana Yoga noch zusätzlich, was hier noch nicht erwähnt wurde: durch die Richtlinien, nach denen man sein Leben orientiert, lernt man die Welt und was sich in ihr abspielt mit anderen Augen sehen und beobachten. Manche Irrungen und Abläufe des Lebens finden sich so oft und so regelmäßig, dass man aufhört sich darüber zu verwundern und man sie wie Naturgeschehen akzeptieren gelernt hat. Man beobachtet und lernt daraus. Verhaltensformen, unterschiedliche Lebensstrategien, Schicksalslehre, all das verwebt sich zu einer Wissenschaft, die in ihrer Gesamtheit keinen Namen hat (außer "Yoga"), da sie Transzendentes mit einschließt und als Schicksalsgewebe gesehen wird, das Vergangenheit und Zukunft mit einschließt.

Was früher im Jnana Yoga Verhaltensvorschriften waren, Empfehlungen und Lebensregeln, löst sich mehr und mehr auf und wir sehen statt der einzelnen Teilen einen Strom, ein Strom des Karma, der uns durch die Zeiten und durch die Illusionen von sich veränderten und neuen Zivilisationen treibt.

"Durch welch verflossene Zeiten wohl hat uns schon der Strom des Karmas getragen? Wanderer sind wir. Wenn wir ruhen wollen, so gibt es nur einen "Ort", den Zustand des Shivabewusstseins "sat-chit-ananda". Ob wir dort für ewig verbleiben? Ich glaube nicht. Erweckt durch den Ton OM kehren wir wieder in die Welt zurück - um anderen zu helfen!"

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 Kundalini Yoga, Kriya Yoga - das Erreichen von Zuständen über Körper-Techniken (Atemtechniken, Positionen, energetische Übungen) und Vorstellungsübungen. (Nähreres dazu unter der Rubrik "Kundalini")

 Raja Yoga

Dieser Yoga befasst sich mit der Funktionsweise der inneren, ich-bildenden Vorgänge. Der Raja-Yogi versucht zu ergründen, was sein “Ich” eigentlich ist. Er erkennt, dass er nicht der Körper ist. Er erkennt, dass Einstellungen und Erfahrungen, die sich ja dauernd ändern, nicht sein eigentliches “Ich” sind, sondern es nur bereichern. In seiner Frage “Wer bin ich?”, was ist dieses “Ich”, erkennt er, dass dieses “Ich unvergänglich ist und ein Bewusstsein seiner selbst hat.

Als Endergebnis erlangt der Raja-Yogi eine vollständige Beherrschung der inneren Denk- und sonstigen Bewußseinsvorgänge.

 Die zentrale Aussage des Raja Yoga sind die 8 Stufen nach Pantanjali

1. Yama (Moral, Ethik)

2. Niyama (Selbstdisziplin)

3. Asana (Körperhaltung)

4. Pranayama (Atemtechnik)

5. Pratyahara (Zurückziehen der Sinne)

6. Dharana (Konzentration)

7. Dhyana (Meditation)

8. Samadhi (Instase, Alleinheit)

Interpretation der acht Stufen im Sinne der Versenkungsmethoden (hypoarousal)

Die acht Stufen nach Patanjali werden hier nach einem Weg interpretiert, der über Versenkung bis zur Innenschau und diversen instatischen Zuständen führt. Weiters werden unsere zivilisatorischen Gegebenheiten (z.B. Sitzen auf Stühlen und nicht auf dem Boden) in besonderem Maße berücksichtigt.

Worterklärung von Instase/Exstase:

Instase = außerordentlicher Zustand erreicht durch Versenkung (hypoarousal)
Ekstase = außerordentlicher Zustand, erreicht durch (meist durch religiös bedingte) 'Überwachheit' (hyperarousal)

Yama
Ethik - dies spricht für sich selbst und es bedarf keiner Erklärung

Niyama
Zu Niyama gehören einige interessante Methoden der Selbstbeobachtung, Selbstanalyse und Achtsamkeit (Sattipathana)

Asana
Alle auf dem hier beschriebenen Weg durchgeführten Übungen kommen mit zwei Grundhaltungen aus: Liegen (Savasana) und Sitzen.

Pranayama
Atembeobachten im Sinne von "der Atem kommt, der Atem geht"

Dharana (Konzentration) Konzentration auf die Gedankenvorgänge

  • Konzentration auf ein Meditationsobjekt
  • Erhalten einer inneren Aufmerksamkeit trotz dem Verschieben des Bewußtseins von der Wachphase in Richtung 'Schlafphase' (Eintreten in Phasen von Alphawellen bis Deltawellen im EEG).

Samadhi (Schauung, kosmische Einheit)
Darunter verstehen wir Bewußtseinszustände mit 'kosmischen' Einblicken und Erlebnissen nicht-intellektueller Natur.

 Hatha Yoga

Es ist der in Europa am häufigsten gelehrte Yoga.

Das Wort “hatha” besteht aus zwei Silben, nämlich ha= Sonne und tha= Mond; es drückt die symbolhafte Verbindung zwischen dem Äußeren, sinnlich Erkennbaren, und dem Inneren, dem empfangenden Menschen aus. Die Basis des Hatha-Yoga ist die Atemschulung, sein Ziel ist, von der Körperbeherrschung zur inneren Beherrschung, von der Körperruhe zur inneren Ruhe zu gelangen. Der Weg sind die Asanas.

 Kriya-Yoga

Der Kriya-Yoga wird zweimal von dem ehrwürdigen Weisen Patanjali, dem hervorragendsten Yogainterpreten, erwähnt, der folgendes schreibt: «Der Kriya-Yoga besteht aus der Disziplinierung des Körpers, Herrschaft über die Gedanken und Meditation über OM»

 Patanjali spricht von OM als dem Gott offenbarenden Wort, das man in der Meditation hören kann. OM ist das Schöpferwort, das Summen des kosmischen Motors, der Zeuge der Göttlichen Gegenwart. Selbst der Anfänger im Yoga kann in seinem Inneren bald den wundersamen Laut OM erklingen hören und gewinnt aufgrund dieses freudigen geistigen Erlebnisses die Überzeugung, mit übernatürlichen Bereichen in Verbindung zu stehen.

Der Kriya Yoga umfasst verschiedene Übungen, die dazu dienen: 

  • Die Chakren zu öffnen und zu reinigen 
  • Energiekanäle zu öffnen und durchlässig zu machen 
  • das Bewusstsein und die Lebenskraft aus dem physischen Körper durch alle Hüllen (Astral- und Kausalkörper) hindurch in die Seele und zu Gott zurückzuführen 
  • korrekte und erfolgreiche Meditationstechniken zu erlernen und zu praktizieren 
  • feinstoffliche Körperhüllen zu reinigen und aufzulösen 
  • Karma aufzulösen

Das Endziel des Kriya-Yoga ist die Befreiung der bewussten Seele vom Kreislauf der Reinkarnation (Samsara) und deine Einheit in Gott. Daraus resultiert das Ende des Reinkarnations-Kreislaufs und letztendlich die vollkommene Befreiung der Seele durch Vereinigung mit Gott. Durch Kriya-Yoga bereitest du dich auf Samadhi, die Gottesverwirklichung vor. Also keine Flucht, sondern nur durch intensivstes göttliches Lieben, versöhnen mit allem und allen und durch Auflösen aller Bindungen, allen Karmas erreichst du Freiheit in Liebe - Freiheit in Gott - für den Rest der Ewigkeit.

Ein Gita-Vers lautet: «Wer der Meditation kundig ist (der Muni), wer das höchste Ziel verfolgt und sich von allen äußeren Erscheinungen abkehrt, indem er den Blick auf die Stelle zwischen den Augenbrauen richtet und die gleichmäßigen Ströme des Prana und Apana (die) innerhalb der Nase und der Lunge (fließen) neutralisiert, wer sein Sinnesbewußtsein und seine Geisteskräfte beherrscht und Begierde, Furcht und Zorn überwindet, erlangt ewige Freiheit."

 Tantra

Die Lehre des Tantra unterscheidet sich von den meisten Religionen dadurch, dass sie die polaren Spannungen in der Schöpfung nicht als einen Konflikt zwischen Gut und Böse, zwischen Gott und Teufel sieht. Sehr wohl ist im Tantra das ethische Verhalten von großer Bedeutung, doch da es keinen persönlichen, richtenden Gott gibt, der in die Schöpfung eingreift, fehlt dem Tantra der Aspekt der Drohung, welcher für viele Menschen für moralisches Verhalten notwendig zu sein scheint.

Was die Allgemeinheit anbelangt, liegen die Religionen mit ihrer ethischen Botschaft richtig. Sie erfüllen damit eine wichtige soziale Aufgabe, verlieren aber zunehmend an Bedeutung. Die Lehre des Tantra ist als erzieherisches System auf der Basis von Belohnung und Bestrafung ungeeignet und kann die Religionen insofern nicht ersetzen. Der Tantra erteilt keine Lebensvorschriften und moralische Denkweisen sind im fremd. Es wird zwar der Egoismus abgebaut, jedoch nicht aus ethischen Erwägungen, sondern aus dem Bestreben des Nicht-Anhaftens. Ethik ist im Tantra ein spätes Ergebnis des individuellen Entwicklungsprozesses und entsteht aus dem Erkennen und Erleben der Alleinheit.

Polaritäten und Bewegung als Grundkräfte der Schöpfung

Die fundamentale Ansicht im Tantra lautet: "ohne Gegensätze gibt es keine Schöpfung. Die gesamte Schöpfung ist Bewegung und Spannung". Diese Auffassung lässt sich großartig in ein modernes, physikalisches Weltbild integrieren.

Das Zusammenspiel der Gegensätze beschränkt sich nicht auf die materielle Schöpfung, sondern bezieht sich auch auf die ethischen und psychischen Gegensätze im Menschen. Hier hilft das Verständnis, dass Gegensätze notwendig sind, um eine Vielfalt zu ermöglichen. Durch diese der Naturwissenschaft nahen Sichtweise werden Spannungen und Schuldgefühle abgebaut. Die Notwendigkeit der Gegensätze besagt nicht, dass Ethik im Tantra bedeutungslos wäre.

Aus der Sicht der inneren Reifung des Menschen sind Gegensätze als Kontrastmittel notwendig, weil erst dadurch ein Lernen durch Vergleich möglich ist. Hierzu ein Ausspruch von dem großen Yogi Ramana Maharishi: "Niemals könnte ein Film entstehen, gäbe es nicht Licht und Schatten. Beides ist nötig, um die Umgebung zu bilden und die Szenen, in die wir uns selbstvergessend verlieren."

Der Tantra lehrt, dass das grenzenlose Bewusstsein sich durch Identifikation individualisiert. Es drängt sich der Vergleich unseres Lebens mit einem Kinofilm auf. Wenn wir uns einen Kinofilm ansehen, sind wir ganz in die Handlung vertieft, so sehr, dass wir uns selbst als Beschauer vergessen. So geht es dem höheren, unvergänglichen Aspekt des Bewusstseins.

Zurück zu den Gegensätzen. Wir sind hier auf der Erde, um zu lernen. Wir lernen durch Vergleich, durch Irrtum und Korrektur. Die Polaritäten verursachen dynamische Geschehen, wo immer wir auch hin sehen. Es bewirkt, dass wir geboren werden und sterben, Leid und Glück erfahren, Gutes und Schlechtes erleben - und aus allem lernen. Ohne dem Hell und Dunkel, ohne die Gegensätze gäbe es keine Schöpfung, gäbe es keine Blumen, keine Wolken und keine Liebe.

Außerhalb der Dynamik der Schöpfung existiert ein in sich ruhendes Bewusstsein. Es entspricht dem Zustand der Schöpfung außerhalb des Raum-Zeit-Kontinuums. In der tantrischen Ikonologie wird es durch den meditierenden Shiva dargestellt. Die Verbindung von Bewusstsein und Dynamik bildet das, was wir Leben nennen.

Bewusstsein und Schöpfung

Gemäß dem Tantra kann das Bewusstsein auch ohne Verknüpfung mit Materie für sich allein existieren. Ein solcher Zustand wird "reines Bewusstsein" genannt. Bildhaft ausgedrückt wird es als Shiva dargestellt, der sich in Meditation in einem Zustand außerhalb der Zeit, des Raumes und des Formhaften befindet - Shiva als beschauendes Bewusstsein außerhalb der Schöpfung, in sich selbst ruhend.

Da reines Bewusstsein nicht ein Teil des Formhaften ist (das "Formhafte" ist ein gängiger Begriff für die Schöpfung), gibt es weder ein kleines noch ein großes Bewusstsein. Und da das Bewusstsein jenseits der Dualität ist, kann Bewusstsein nicht geteilt werden. Das ist der Grundgedanke, der zur Vorstellung einer All- Beseelung führt, nach der alles, ob klein oder groß, ein ungeteiltes Ganzes bildet = Gott, Shiva, die kosmische All-Kraft, Allbewusstsein oder welchen der vielen Namen man immer auch verwenden will.

Sobald sich das Bewusstsein mit Materie (Shakti) verknüpft und in die Schöpfung eintaucht, identifiziert es sich mit der angenommenen Form.

Der Tantra Yoga ist ein Weg der Befreiung - in ihm wird versucht die Identifikation des Bewusstseins mit der Materie wieder aufzuheben. Wenn dies dem Yogi gelingt, so kehrt er wieder zu dem ursprünglichen Zustand der kosmischen Einheit jenseits von Raum und Zeit zurück. Diesen Zustand nennt man Samadhi, Nirvana, Satori oder sat-chit-ananda. Allerdings, ob dies ein endgültiges Ziel oder ein Zwischenzustand ist, darüber gehen die Ansichten auseinander.

Shiva und Shakti

Der Tantra-Yoga befasst sich in erster Linie mit der spirituellen Entwicklung des Menschen. Deshalb ist die gesamte Sichtweise speziell auf den Menschen zugeschnitten. Das sieht man in der Bildsymbolik. In ihr werden das kosmische Allbewusstsein und die Schöpfung als Gottheiten dargestellt, zum Beispiel als Shiva und Parvati.

Die Aufgabe der tantrischen Yogis und Yoginis ist es dieses Götterpaar in sich selbst zu entdecken und zu entfalten. Hierbei lernt der Yogi durch Meditation auf das Ajna Chakra sich mit Shiva zu identifizieren, indem er in das Shivabewusstsein eintaucht = frei sein von Gedanken, in sich ruhen. Wenn der Yogi zu sich selbst gefunden hat (Das Shivabewusstssein verwirklicht hat), dann sollte er die Göttin suchen und finden. Er findet die Göttin in seinem Herzen. Hier vereint er sich mit ihr. Dies wird symbolisch als erotische Vereinigung dargestellt. Jedoch ist damit kein sexueller Akt gemeint, wie im Neotantrismus ausgelegt, sondern eine Vereinigung des Shiva-Bewusstseins mit den Shakti- Qualitäten (Liebe, Hingabe, Selbstaufopferung).

Das Herzzentrum (Anahata) mit Shiva und Shakti im Mittelpunkt

Bei einer Yogini ist der Prozess umgekehrt. Ihre Liebe wird immer subtiler bis sie identisch wird mit der All-Liebe von Mahashakti. Sie findet zu sich selbst als große Göttin. Hat sie sich selbst als große Göttin erfahren, begegnet sie voll erlebbar ihrer ersehnten Gottheit im Herzen. Dann wird die "männliche" Gottheit ihr Shivabewusstsein auf sie übertragen. Die Yogini erhält dadurch die Aspekte Stärke, Selbstbewusstsein, innere Stille und magische Gedankenkraft. Im Alltag zeigt sich dies in den Eigenschaften "mitfühlende und hingebende All- Liebe" (Mahashakti) und "Kriegerin" (beschützende Kraft).

Entsprechend der umgekehrten Entwicklungswege bei Mann und Frau gibt es in der Bildsymbolik gibt es zwei Darstellungsweisen - die des Shivakultes und die des Shaktismus, wobei in ersterem Fall Shiva auf der Shakti tanzt und im zweiten Fall die Maha-Shakti auf Shiva tanzt.

Unterschiedliche Lehrmeinungen des Tantra

Ein wichtiger Ansatzpunkt der tantrischen Yogadisziplinen ist Energie. Nach tantrischer Sprechart ist sie die Shakti in uns. Eine sehr wichtige Quelle der Energie ist die Sexualität. Je nachdem wie die Energiezentren (Chakras) im Menschen entwickelt sind, entsprechend äußert sich die sexuelle Energie, von purer animalischer Triebkraft bis zu einer kosmischen All-Liebe.

Ein Überblick über die wichtigsten tantrischen Lehrmeinungen zum Aspekt Liebe und Sexualität:

Neotantra: Der Neotantra ist eine Mischung aus dem indischen Tantra der linken Hand und modernem Wellness-Denken.

Tantra der linken Hand: Nach dieser Auffassung ist ein kosmisches Einheitserleben ein ekstatischer Zustand, wie er im Orgasmus erlebt werden kann. Nach dieser Lehre ist der Orgasmus jener Zustand, den auch der Schöpfergott hatte, als er die Welt erschuf. Im Orgasmus wird der Mensch dieser Lehre zufolge eins mit dem Göttlichen, das sich in einem permanenten ekstatischen Zustand befindet, wodurch die Schöpfung erhalten und erneuert wird.

Tantra der rechten Hand: Dies ist eine konträre Geisteshaltung zum Tantra der linken Hand. Da die hauptsächlichsten Repräsentanten des allgemeinen Yoga, die Sadhus, Swamis, Sannyasins etc. Mönche und Nonnen sind, werden von ihnen Lehren vertreten, denen gemäß der sexuelle Akt ein Vorgang ist, bei dem schöpferische Energie verbraucht wird. Schöpferische Energie wird mit der eigenen Lichtenergie (Shakti) gleich gesetzt. Diese Energie will man zur Stärkung der Kundalini erhalten und speichern.

Liebesverbindung mit jenseitigen Wesen: Nach Überlieferungen wie man sie von Siddhas und Mahasiddhas her kennt, lebten diese Sadhus und Yogis mit Dakinis zusammen. Es waren Asketen, die zurückgezogen von der Welt lebten. Sie hatten eine Liebesverbindung zu transzendenten Wesenheiten, die zugleich ihre Lehrer auf magischem Gebiet waren. Eine solche Verbindung nennt man im modernen Sprachgebrauch "Geisterehe". Die Vorstellung einer Geisterehe ist den Menschen unserer Zeit völlig fremd und nicht vorstellbar. Vorschnell wird behauptet, dass eine Geisterehe ein psychisch verdrehter Ersatz für regulären Geschlechtsverkehr ist. In den "Primitivreligionen" und im Schamanismus war eine Geisterehe jedoch sehr häufig, und in einigen "Primitivreligionen" die Regel. In diesen alten Systemen lag der Schwerpunkt nicht im sexuellem Erleben, sondern in der Vermittlung von magischen Fähigkeiten.

Vielleicht haben alle oben angeführten Richtungen teilweise recht - etwa jede Richtung für ein spezifisches Gebiet. Auf jeden Fall sollte man bedenken, dass Yoga Praktizierende körperlich, psychisch und spirituell unterschiedlich veranlagt sind und deshalb unterschiedliche Systeme benötigen. Aus diesem Grund sollte man mit Bewertungen und Verurteilungen vorsichtig sein. Die Situation kann man gut durch das Elefantengleichnis beschreiben:

Die blinden Männer und der Elefant

Einstmals lebte in Nordindien ein König, der seinem Diener gebot: "Lasse alle Blindgeborenen der Stadt zusammenkommen." Als dies geschehen war, ließ er den Blindgeborenen einen Elefanten vorführen. Jeden ließ er zu einem anderen Körperteil führen und diesen untersuchen, wie zum Beispiel ein Bein, den Rüssel, ein Ohr oder einen Stoßzahn. Dann fragte er: "Ich habe Euch zu einen Elefanten führen lassen. Sagt mir wie ist ein Elefant beschaffen?" Da sagten der, welcher das Bein abgetastet hatte: "er ist wie eine Säule". "Aber nein", sagte der, welcher das Ohr betastet hatte. "Stimmt nicht, er ist wie ein Seil", sagte der, welcher beim Rüssel stand. "Wie kann man nur solch einen Unsinn reden", sagte ein anderer, der den Bauch abgetastet hatte. "Er ist wie ein riesiger Speicher." Da ein jeder von ihnen überzeugt war, dass seine Wahrnehmung richtig war, verwarf er die Aussagen der anderen. So fingen sie zu streiten an und bezichtigten einander falsch beobachtet zu haben und die Wahrheit nicht zu erkennen.

Moksha, die Befreiung von den Wiedergeburten

Moksha oder Mukti - Erlösung, Befreiung von den Wiedergeburten. Es bedeutet, dass der Yogi, der Moksha erreicht hat, kein Karma mehr abtragen muss und dadurch vom Zwang der Wiedergeburten befreit ist. Während speziell in früheren Zeiten, die Welt als sehr leidvoll angesehen wurde und sich durch Moksha von ihr loszusagen das vordringliche Ziel war, gibt es gegenwärtig immer öfters Yogis, denen die mit Moksha verbundene Entscheidungsfreiheit das attraktive Ziel geworden ist. Es wird von diesen Yogis freiwillig auf einen Verbleib in einem höheren Zustand verzichtet, um auf die Erde herabzusteigen und anderen zu helfen.

Zur tantrischen Bildsymbolik in Bezug zu Moksha: Im Tantra sind sehr häufig Todesgötter dargestellt. Diese werden von Vertretern der tantrischen Lehre völlig anders gesehen als von westlichen Kommentatoren interpretiert. Für den Tantriker hat etwa Shiva als der Zerstörer nichts mit Destruktivität zu tun oder mit einer personifizierten Todesgottheit im westlichen Sinne. Das momentane Leben und sein Übergang in einen anderen Zustand, worunter der Tod des Körpers im Westen gemeint ist, hat im Tantra nur periphere Bedeutung. Und zwar deshalb, weil das Leben in einer illusionären Verstrickung mit Maya (die Schöpfung als Illusion) weiter geht, sich im jenseitigen Leben fortsetzt, um dann neuerlich zu einer Wiedergeburt zu führen. Eine Todesgottheit wie Shiva ist im Tantra der Befreier und Zerstörer der Illusionen, der Helfer zum Zustand des Moksha.

Den Zustand des Moksha stellt man sich als jenseits von einem Raum- und Zeit- Empfinden vor, ohne Ich-Empfinden und als reines Sein. Schöpfung, Dualität, Ich- Bewusstsein, Gut und Böse, all das ist nicht mehr existent und statt dessen ein Gefühl von Friede, Grenzenlosigkeit und Glück.

Zur Skizzierung der Vorgehensweise im Tantra:

  • der Tantra ist keine Religion
  • der Tantra ist eine Praxis
  • der Tantra kennt keine vorgeschriebenen Wege
  • Die Verwirklichung im Tantra vollzieht sich in individueller Empirie

Mehr dazu: Tantra PDF

 Advaita-Vedanta – die Lehre von der Nicht-Zweiheit

Dies ist eine Monistische Lehre, welche die Basis der meisten Yogaarten bildet. Dieser Lehre gemäß gibt es nur ein Seinsprinzip, ein Lebensprinzip, das in einer Art Traum die Schöpfung bildet – wird in diesem Zusammenhang Maya = Illusion genannt. Aufgabe des Yogis ist zu diesem alles umfassenden Sein wieder zurück zu finden. Hat er die Schöpfung als Illusion erkannt, gilt er als von den Wiedergeburten befreit = Jivamukhti (= eine befreite Seele)

Ein Ausspruch von Ramakrishna. Da Ramakrishna Kali verehrte, wurde er gefragt, ob es für ihn kein Widerspruch sei, einerseits an eine Gottheit zu glauben und andererseits das Prinzip der Advaita zu vertreten, dem gemäß es nur ein einziges, unteilbares Sein gibt und alle Erscheinungen Täuschung wären. Ramakrishna gab folgende Antwort:

"Betrachte eine Münze mit ihren zwei unterschiedlichen Seiten – und dennoch ist es eine einzige Münze"

 

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