Die Wurzeln einer autoritativen Gottesvorstellung

Kinder und auch die meisten Erwachsenen verstehen sich als körperliche Wesen. Körper und Ich sind in diesem Verständnis so eng miteinander verknüpft, dass sie nahezu als identisch erscheinen. Es mag deshalb nicht verwundern, wenn sich die primäre Orientierung des Menschen, so wie sie in Traumbildern aufscheint, von unserem Körper ableitet.

Die erste Begegnung mit einer Autorität sind beim Kind die Eltern. Sie haben folgende Kennzeichen:

  • groß – damit verbunden ist Kraft und Macht 
  • stark in jeder Beziehung
  • wissend, für das Kind allwissend 
  • Anordnungen müssen befolgt werden, sonst erfolgt Strafe (Furcht erregender Aspekt)
  • Schutz und Geborgenheit • Liebe und die Fähigkeit zu geben

Merke Dir, Du bist klein und schwach und ich weiß alles

Die gleichen Kriterien werden in den Buchreligionen Judentum, Christentum, Islam auf den als Person gedachten Gott übertragen. Ebenso im Christentum auf Jesus und Maria. In gleicher Weise gelten die Kriterien für Gottheiten anderer Religionen.

Gefördert werden solche autoritativen Gottesvorstellung durch ein duales Weltbild, in dem eine Ich-Du Beziehung zu Mensch und Gott besteht. Ein solches Denken wird im Tantra Yoga dadurch aufgelöst, als das göttliche Prinzip allem innewohnt und der Yogi Gott oder das Göttliche Prinzip in sich selbst als sein ureigenstes Wesen finden kann. Wissend, dass Gott allem innewohnt, wird eine Denkweise nach dem Autoritätsschema aufgelöst. "Gott lebt in mir, freut sich und leidet mit mir, denn durch mich erlebt er einen Teil seiner Schöpfung".

Das göttliche Prinzip, das Allbewusstsein, wird durch eine zweite Überlegung nicht als Macht beschaut: Die Schöpfung wurde selbstregulierend gebildet. Sie ist in sich vollkommen und bedarf nicht eines göttlichen Eingreifens – etwa wie richterliches Eingreifen in Völkergeschicke, Bestimmen der Todesstunde, Zuweisung in Himmel oder Hölle.

Beschützende Himmelsmutter – Menschen werden wie Kinder klein dargestellt

Da es sich bei dem autoritativen Kindheitsbild von einem Erwachsenen um einen Archtetyp (eine dem Menschen eingeprägte symbolische Grundstruktur) handelt, kann man solche Vorstellungen nicht einfach zur Seite schieben und ignorieren. Sicherlich versuchen dies einige hochintellektuelle Menschen, aber sie begeben sich damit in die Gefahr einen Teil ihrer Psyche zu unterdrücken (da nicht akzeptiert). Es ist besser derlei Grundstrukturen zu akzeptieren und zu erweitern. Im obigen Bild ist die Himmelsmutter dargestellt als liebende, beschützende All-Liebe. Die dem Bild innewohnende Grundvorstellung kann dem tantrischen Weltbild angepasst werden, indem die symbolisch abgebildete Gestalt als kosmisch groß, als Repräsentantin der gesamten Schöpfung gedacht wird (Mahashakti). Ebenso gut in den Yoga passend ist die Ausdehnung der Körperhaftigkeit der Allmutter auf den Planeten Erde, womit sie das Wesen von Gaia, dem planetaren Bewusstsein annimmt.

 

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