Entwicklungsgeschichte des Yoga

Der Yoga reicht zurück bis in die Vorgeschichte Indiens. Der ursprüngliche Yoga war dem Schamanentum sehr nahe. Typisch für diesen Yoga dürften ekstatische Praktiken gewesen sein.

Eine zentrale Bedeutung in diesen Kulten hatte Shiva. Er galt als Vorbild von Eremiten und Sadhus, die zum Zeichen ihrer Einswerdung mit Shiva sich so wie dieser kleideten und schmückten (Dreizack, Asche, Tigerfell, lange Haare), bis in die heutige Zeit. Es gibt noch gegenwärtig den mündlichen Mythos, dass vor 7 tausend Jahren Shiva inkarniert war und den Yoga in seinen wesentlichen Aspekten den Sadhus (Yogis) weiter gab. Seitdem wird Shiva Vater der Yogis genannt.

Die Wurzeln des Yoga entziehen sich dem historischen Zugriff. Um ihnen näher zu kommen, ist ein Blick auf die indische Kulturgeschichte nötig. Verschiedene Praktiken, die in den Yoga integriert wurden und magischer oder schamanistischer Natur sind, sind global zu finden und nicht auf Indien beschränkt, sie dürften so alt ein wie die Menschheit und entsprechend der Welt- und Lebensbemeisterung durch die Seele. Der überlieferte Yoga allerdings ist eine spezifische Dimension des indischen Geiste, der die gesamte indische Kultur und Religion durchdringt. Aber so wie alle religiösen Bewegungen und sich widersprechende philosophische Systeme Indiens sich den Yoga einverleibt haben, kann die Technik des Yoga unabhängig von weltanschaulichem Hintergrund überall assimiliert werden, einfach deshalb, weil es sich um einen Ausdruck der Seele in ihrem Verlangen nach der Erfahrung des Heiligen und der Selbstbemeisterung handelt.

Das vorgeschichtliche Indien ist vor allem durch zwei große rassische Gruppierungen bestimmt, deren Kultur und Religion gleichermaßen das hervorbringen, was mit Hinduismus bezeichnet wir, einer Synthese mit allmählichem Übergewicht der urindischen Faktoren.

Hier sind zum einen die Dravidas zu nennen. Manchmal werden ihnen auch die Munda-Völker zugerechnet, die die eigentliche Urbevölkerung Indiens darstellen. Die Herkunft der Draviden ist nicht geklärt. Es handelt sich um eine seit langer Zeit bodenständige dunkelhäutige Rasse, die wie die Ausgrabungen von Mohenjo Daro und Harrappa zeigen, eine hochentwickelte Stadtkultur im Industriegebiet geschaffen haben. Als sesshaftes Ackerbauvolk verehrten sie vor allem Fruchtbarkeitsgötter, und zwar in zweierlei Form:

.) auf einen phallischen Kult deuten Funde von Harrappa, die einen Gott mit gekreuzten Beinen und Stierhörnern zeigen. Viele meinen, es handle sich um eine typische Darstellung des Gottes Shiva, der ja auch später Lingam im Kult behält und der Gott der Yogis und Asketen wird.

.) auf die Verehrung von Muttergottheiten weisen Siegel, auf denen Pflanzen dargestellt sind, die aus dem Leib einer Göttin emporwachsen, oder solche, die eine weibliche Gottheit zeigen, der ein Menschenopfer dargebracht wird. (eine Art Durga) Ebenso stammen Elemente wie Puja und Bhakti aus der Neigung zum Konkreten, zum persönlichen Erleben Von den Dravidas.

Im Zuge der großen Wanderbewegungen des 2.Jahrtausends v.Chr. stoßen die Indogermanen mit ihrem Stamm der Arier auf den indischen Kontinent. Sie brachten patriarchalische Gesellschaft, die Wirtschaftsverfassung eines Hirtenvolkes (Kastenwesen, Priestertum der Brahmanen), den Kult von Himmels- und Atmosphäregöttern. Die heiligen Schriften - insbesondere die Veden - entstammen ihrer Schöpfung. Ihr Weltbild ist gekennzeichnet von einer Vielzahl von Göttern, welche für die verschiedenen Bereiche der Schöpfung zuständig sind.

Diese beiden Überlieferungswelten bildeten nach vielfachen Spannungen und einer langen Synthesearbeit schließlich den Hinduismus. Daß verschiedene Religionen gleichzeitig, nebeneinander und eng vermischt bestehen, ist spezifisch für die indische Kultur. Der Yoga als Heilsweg und religiöse Praxis eroberte mit der Zeit die indische Spiritualität in Form des Hinduismus.

Der Gattungsname Yogin bezeichnete ursprünglich gleichermaßen Heilige und Mystiker, Zauberer und Fakire. Der Yoga umfasste eine Menge von Praktiken von ganz verschiedener Herkunft.

Erst Patanjali (3.Jhdt.v.Chr.?) hat in seinen Yoga-Sutras versucht den Yoga zu systematisieren und gab ihm in seiner klassischen Form als philosophischen Hintergrund die Lehre des Samkhya. (Leicht modifiziert, wie z.B. Annahme eines persönlichen Gottes Ishwara) Nach und nach kamen viele “populäre” Praktiken und Glaubensvorstellungen hinzu, sodaß der Yoga zu einer Technik univereller Geltung wurde. Patanjali berief sich vor allem auf zwei Traditionen: zum einen auf die seit dem Rig-Veda bezeugten Asketen und Ekstatiker (Motiv des Seelenfluges, um die Götterwelt zu erreichen!), zum anderen auf die Symbolik der Brahmanas,, die Spekulationen über die “Verinnerlichung” des Opfers; dazu wäre folgendes zu sagen:
"Von Anfang an wandte sich der Yoga gegen Ritualisierung und scholastische Spekulationen. Der Yogi versucht durch Askese und meditative Technik dem Erlebnis des Absoluten näher zu kommen. Er wandte sich daher gegen ein institutionalisiertes Priestertum und gegen den brahmanischen Opferritualismus, stand daher lange außerhalb der “Orthodoxie”.

Im Laufe seiner Ausbreitung musste der Brahmanismus viele Elemente akzeptieren, die ihm zuerst fremd waren. Die Assimilierung der autochthonen Religionen begann schon früh. Am Beginn des indischen Mittelalters (die Periode vom Aufblühen des Buddhismus bis zur Bhagavad-Gita etwa) nimmt die Assimilierung große Ausmaße an.

Mit dem Aufkommen von Dekadenzerscheinungen innerhalb der Priesterkaste der Brahmanen und dem gleichzeitigen Vordringen der mystischen Volksfrömmigkeit aus dem Bedürfnis nach konkreterem religiösen Erleben, gewann der Yoga an Bedeutung, der in seiner Praxis mystisches Erleben bot. Schon lange hatten die Asketen und “Zauberer” behauptet, dass man die endliche Befreiung (mukti) und die okkulten Kräfte (siddhis) durch Anschluß an ihre Disziplinen erreichen könne.

Aus Angst vor Machtverlust und der inneren Krisensituation mussten die Brahmanen nun diese “sektiererischen” Bewegungen anerkennen und zur Güligkeit erheben. Zur selben Zeit etwa wirkten die Rishis, die ebenso wie die Yogis Opfer, ziviles Leben und Familie aufgaben und die Upanishaden schufen, mit ihrer zentralen Erkenntnis der Identität von Brahman und Atman. Durch sie kam ein Prozeß in Gang, der als die “Interiorisation des Opfers” bezeichnet wurde; dies diente nun dazu yogische Techniken in den Rahmen der Orhodoxie (= Herrschaft einer Kaste, der Brahmanen mit ihren Veden und dem Opferkult) einzubauen. Verinnerlichung des Opfers heißt, dass z.B. Feueropfer und Feuerkult auf die Körperwärme und innere Hitze bezogen wurde, sodaß also die Schriften der Brahmanas unangetastet blieben und lediglich neue Interpretationen erfuhren. Damit war der Sieg des Yoga grundgelegt, sodaß er die ganze indische Geisteswelt durchdringen konnte.

Später war es der Tantrismus, der den Prozeß der Hinduisierung förderte, diesmal waren es außerindische, aber auch bodenständige Elemente, die durchbrachen und zu einer nahezu panasiatischen Bewegung führten. Der Yoga fand hier wie auch in den anderen Religionen (z.B. dem Buddhismus) Eingang und entwickelte sich weiter. Durch seine konkrete Beschäftigung mit der menschlichen Seele und dem mystischen Erleben ist Yoga überall und unabhängig von allem traditionellen Wust praktizierbar.

 

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