Erdnahe Ebenen

 Es gibt vielfältige Ebenen, die in ihrem Wesen sehr der irdischen Welt gleichen und weder "dunkel" noch "hell" sind. Es sind dies geeignete Orte um Wünsche auszuleben. Ein unerfüllter Wunsch ist ein Ballast, der den Menschen am Weiterkommen hindert. Auch bezüglich tieferer Ebenen wurde schon hingewiesen, dass sich dort die Möglichkeit bot Wünsche auszuleben. Auch bei Wünschen gibt es eine Skala von sehr unsozial bis zu harmlos. Zu den harmlosen Wünschen zählt bei vielen das Bedürfnis den körperlichen Drang nach sexuellem Ausleben erfüllen zu können. Dieser Drang ist zwar im Jenseits nicht mehr vorhanden, jedoch sehr wohl der Wunsch, der sich im Laufe des Lebens gefestigt hatte, endlich die sozialen oder ehelichen Fesseln ablegen zu können, um den psychischen Bedürfnissen gerecht zu werden..

Es ist eine große Hilfe, wenn man Wünsche auf die wohl harmlosere Weise im Jenseits ableben kann und nicht eigens deshalb neu inkarnieren muss.

Weitere Wünsche dieser Art sind das Bedürfnis endlich über unbeschränkte Freizeit zu verfügen und keinem Arbeitszwang mehr zu unterliegen. Diese Jenseitigen genießen es durch die Gegend zu flanieren, auf einer Bank zu sitzen und sich mit anderen zu unterhalten.

Ein häufiger Aspekt erdnaher Ebenen ist des weiteren noch interessant erwähnt zu werden. Viele Menschen glauben nicht an ein Weiterleben nach dem irdischen Tod. Alles, was Religionen oder neu orientierte Schriften wie diese hier darüber aussagen, erscheint vielen als unbewiesen und spekulativ. Es ist ein Verhalten, das ein jeder einsichtige Mensch als durchaus gerechtfertigt sehen muss. Nun, jedenfalls wenn jene Menschen feststellen, dass sie doch nach dem irdischen Tod weiter leben, sind sie meist angenehm überrascht und vor allem wollen sie die mangelnde Information durch neu entstehenden Wissensdrang ausgleichen. "Wissende" gibt es auf den erdnahen Ebenen genug - "Wissende", die sich in ihrer religiösen oder transzendenten Auffassung bestätigt sehen und vermeinen, den bislang Uninformierten viel voraus zu haben - was leider meist nicht stimmt. Echtes Wissen fußt nicht auf intellektueller Spekulation, sondern auf Erfahrung - und Erfahrung über höhere Ebenen oder kosmische Dimensionen hat jemand auf den erdnahen Ebenen kaum einer.

Aus: "Die Tempelstadt", von A. Ballabene

Als sie einen Föhrenwald durchquert hatten, standen sie unvermittelt vor der Stadt. Zwischen den Häusern sah man zahlreiche Kirchtürme aufragen. Wie eine Krone erhob sich zudem aus ihr ein Felsenkamm mit phantastischen Prachtbauten. Das Panorama war wunderschön. Sie blieben wie gebannt stehen und genossen den Anblick.

Bald durchquerten sie die ersten Gässchen. Eigentlich hätten sie die schönen Häuser und Gärten genießen müssen. Stattdessen aber drängten sie voll Ungeduld zum Hügel im Zentrum. Sie durcheilten etliche Gassen. Es war kein flachgebügeltes Gelände, wie es so oft in monoton konstruierten Städten vorzufinden ist. Nein, es war ein belebendes Auf und Ab, kurvige Straßen, die nach ihren Biegungen unerwartete Schönheiten präsentierten. 

Da, endlich erreichten sie das Zentrum und standen vor einem ca. 50 Meter hohen Felsenkamm. An manchen Stellen war kahler nackter Fels, an anderen Stellen war er abgerundet und lieblich von Föhren und Rasen bekleidet. Bisweilen schlängelten sich Stiegen und manchmal blumenumsäumte Wege hinauf. Manche Kirche, die unter anderen Umständen einen nur durchschnittlichen Eindruck gemacht hätte, wurde, auf diesem Felsen thronend, imposant und beeindruckend. Der Felsenkamm, einmal höher und einmal weniger hoch und zusätzlich noch von Schluchten oder sanft verlaufenden Einschnitten aufgegliedert, gab jedem Bauwerk einen individuellen Platz, hob es in seiner Einmaligkeit hervor.

Die drei Freunde kletterten einen steilen, von Stufen unterbrochenen Kiesweg empor. Er führte sie zu einem herrlichen Kuppelbau. Er war aus weißem Marmor, mit einer zentralen Kuppel. Davon abgesetzt in vielen Rundungen und Nischen, kleinere Zubauten mit weniger hohen Kuppeln. Im Inneren der Kirche mochten sie  möglicherweise Seitenaltäre bilden. Die strahlend helle Außenfassade der Kirche war reichlich verziert mit steinernen Ornamenten. Kupferne Girlanden, die sich durch ihr Dunkel wunderschön abhoben, färbten durch ihre Patina Teile des Gesteins grün, und hoben so manche Stelle auf ihre Art hervor.

Der Weg mündete oben in ebenes Gelände, das einige Meter breit das Bauwerk umsäumte. Die Fläche mochte für Prozessionen gut geeignet sein. Immer wieder war der weiße Kies von flachen, abgeschliffenen Felsplatten durchzogen, zwischen denen manch grünes Pflänzchen dem Stein trotzte.

An der Wand eines kleinen Nebengebäudes vor der Kirche, offenbar ein Karner, fanden sie eine Tafel. Es war der Grabstein des Baumeisters. Sie blieben stehen und lasen die Inschrift:

Aus Stein erhebt sich mein Gebet

empor in Säulen und Bögen.

Wohlklang der Maße,

Schönheit des Herzens,

ewig Dir zugewendet.

Nach dem sie diese Zeilen gelesen hatten erfasste sie Ehrfurcht. War die Kirche zuvor in ihren Augen ein wunderschönes Bauwerk, dessen Ästhetik sie bewunderten, so war sie jetzt mehr. Sie atmete die Inbrunst und Frömmigkeit ihres Erbauers und schien gleichsam dadurch zum Leben erwacht.

Nach wenigen Schritten standen sie vor einem kupfernen, mit grüner Patina überzogenen Nebentor. Seine verzierten Flügel waren weit geöffnet. Fast zierlich wirkte ein dahinter sichtbares großes Tor aus Holz. Es war durchbrochen von vielen Rosetten und um diese rankten sich vergoldete Figuren.

Aus der Kirche tönte Gesang, von Orgelmusik begleitet. Die drei Freunde traten ein und setzten sich etwas abseits auf eine Bank. Die Musik war sehr schön. Alle Gläubigen sangen begeistert mit, nirgendwo sah man die schlaffen Gesichter von Kirchgängern, die aus gesellschaftlichem Zwang eine Kirche betreten. Sogar Emanuel und Johann, die zu irdischen Lebzeiten bei weitem kein frommes Leben geführt hatten, fühlten sich wohl und in gehobene Stimmung versetzt. Es war, wie sie alle feststellten, eine mitreißende Frömmigkeit. Sie erhob, stärkte und glich geistiger Nahrung.

Dann folgte die Predigt. Sie wurde mit großer Begeisterung vorgetragen, war jedoch naiv und lehnte sich sehr an kaum verstandene Dogmen an.

Johann beugte sich zu seinen zwei Freunden und wisperte: „Wenn jener Mönch aus dem Asyl eine ähnliche Predigt gehört hatte, kann ich mir vorstellen, weshalb er wieder zum Sanatorium umkehrt ist. Der Orden konnte seinem Leben einen Sinn verleihen.“

Der Prediger hielt kurz inne und sah die drei strafend an. Auch etliche Kirchgänger drehten sich um und blickten zu den drei Freunden. Diese erhoben sich und verließen das Gebäude.

Sie hatten ein anderes Tor als Ausgang genommen. Draußen betraten sie einen kleinen Platz.

Sie setzten sich nieder, an die Kirchenmauer gelehnt. Sie hatten das Bedürfnis, die widersprüchlichen Erfahrungen zu besprechen.

„Wie ist es möglich, dass die Erhabenheit des Gebäudes nicht in Einklang mit dem Niveau der Predigt steht? Du hast uns einmal erklärt, Elbrich, und oft konnten wir dies auch nachprüfen, dass die Menschen mit ihrer Aura das von ihnen bewohnte Gebäude prägen. In diesem Fall scheint dies nicht zu gelten.“

Elbrich, ebenfalls nachdenklich, versuchte eine Erklärung wobei nicht zu erkennen war ob er zu sich selber oder zu seinen Freunden sprach. „Eigentlich waren Kirchgänger und Prediger von tiefer Religiosität und Gottesliebe geprägt. Das sind großartige Eigenschaften. Aus dieser Warte haben sie schöne und reine Seelen, also passt dies zum Gebäude. Sie haben uns in der Gefühlstiefe manches voraus. Es schien auch, als wäre die Gedankenkraft und Religiosität des Baumeisters dominant geblieben, so dass das Gebäude nicht so leicht umgeprägt werden kann.

„Ja, aus dieser Warte habe ich es gar nicht gesehen“. Jetzt war es Johann, der wieder sprach. „Vielleicht war ich noch zu sehr durch die Schilderung des Mönches voreingenommen. Der Mönch beschrieb mir die Tempelstadt als ein Forum unterschiedlichster religiöser Dogmen und neu erfundener Spekulationen. Ihn erinnerte dies alles an den Turmbau zu Babel, nur dass in diesem Fall nicht Sprachen sondern religiöse Ansichten zur Verwirrung führen. Aber vielleicht sind die vielen religiösen Spielarten die extreme Reaktion auf die Erkenntnis, dass es ein Leben im Jenseits gibt. Es erweckt Interesse und ein Suchen nach Ordnung und Regeln in dieser neuen Welt. Aber welche Ordnung und welche Regeln sollten sein? Viele der alten Postulate vertrauter Religionen stimmen nicht mehr. Dadurch verlieren die Menschen hier an Halt und beginnen zu spekulieren. So greifen sie auf unterschiedliche Aussagen diverser Religionen und privat-philosophische Spekulationen zurück.

Nachdenklich erhoben sich die Freunde. Sie blickten sich um und sahen seitlich von der Kirche eine breite Straße, die am Kamm des Hügels entlang zu laufen schien. Schon hatten sie die Straße betreten. Es war gleichsam die Hauptstraße dieses zentralen Tempelbezirkes. Sie war wunderschön, geziert durch prächtige Vorderfronten verschiedenster Sakralbauten, unterbrochen durch kleine Plätze. Immer wieder sah man größere und kleinere Gruppen, die sich um einen Prediger scharten. Obwohl stark bevölkert, hörte man zwar Gemurmel und Gespräche aber kein Geschrei. Ein großer Kontrast zu den Städten der unteren Dämmerwelten. Hier war den Menschen eine freudige Aufbruchstimmung und Zufriedenheit anzusehen.

Kirchen und sakrale Bauten standen dicht an dicht - ein herrlicher Anblick

Einige Schritte weiter kamen sie zu einem Tempelbau im neugriechischen Stil. Auf der Fassade waren verschiedene, für die drei Freunde unbekannte Symbole. In der Mitte war ein Dreieck mit jeweils einer Säule links und rechts im Halbrelief, einige verschlungene Ornamente und geometrische Zeichen. Das Gebäude war einfach im Stil, doch höchst ästhetisch und schön.

Die drei Freunde betraten den Tempel. Im Inneren befand sich eine große Halle mit seitlichen Säulen. Weiße Marmorwände waren mit Goldverzierungen geschmückt. Dem Eingang gegenüber, am anderen Ende, war die Andeutung einer Pyramide durch einen mehrstufigen Sockel, auf dem sich ein reich verziertes Buchpult befand. Hinter dem Pult stand ein Prediger in weißem Ornat. Der Prediger oder Priester erklärte den Anwesenden den Bauplan der Schöpfung, die vielen Reiche darin, sprach über gute und böse Heerscharen, über die Macht der Magie und vieles mehr. Er gliederte alles in Hauptgruppen und Untergruppen, alle schön nummeriert. Worüber er sprach, war so kompliziert, dass alle drei den Ausführungen letztlich nicht mehr zu folgen vermochten. Diese Inhalte der Predigt standen ganz im Gegensatz zur naiven Frömmigkeit in der vorigen Kirche. Waren es in der ersten Kirche die Gefühle, die vorherrschten, so war es hier der Intellekt. Sie fühlten sich alle drei nicht wohl und verließen das Gebäude.

Alles in allem zeigte sich, dass die Predigten in ihren Aussagen genauso vielfältig wie die Sakralbauten waren. Viele der Ausführungen mochten mentale Kunstwerke sein und glichen in gewisser Hinsicht dem ornamentalen Reichtum der Gebäude. Was die drei Freunde jedoch suchten war nicht Kunst in Worten und in Stein, sondern die tieferen Wurzeln des Seins, die Wahrheit hinter dem Äußeren. So beschränkten sie sich im Weiteren auf die Besichtigung der einzelnen Gebäude und verzichteten darauf die Predigten anzuhören.

Aus: Die Tempelstadt, Ein jenseitiger Entwicklungsweg, Autor: Alfred Ballabene, ISBN 978-3-901975-33-2  Verlag: SOLARIS Spirituelle Edition, Wien

 

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