Hüter der Schwelle

 Was ist ein Hüter der Schwelle und was ist seine Funktion?

Der Hüter der Schwelle ist ein Wächter, der einen Bereich gegen Unbefugte verteidigt. Im Gegensatz zu einer Schwelle, die unlebendig ist, ist der Hüter eine lebendige Kraft, die Entscheidungen trifft, der man sich stellen kann oder die man als Verbündeten gewinnen kann. Symbolisch kann der Hüter der Schwelle der Wächter einer großen Anzahl von Tabubereichen sein, von moralischen bis zu spirituellen Bereichen.

Ein "Hüter der Schwelle" ist ein personifiziertes Hindernis der Psyche.

Beispiel: Du hast Angst einen neuen Erkenntnis/Erfahrungsbereich zu betreten. Da Du Dich damit beschäftigst taucht das irgendwann im Traum auf. Im Traum siehst Du ein Hindernis vor einem anderen Bereich (Schwelle) (z.B. versperrte Türe, Betonmauer, Fluß, Bergwand etc.) Es kann nun vorkommen, dass Du Dich nicht davor abhalten lassen willst. In diesem Fall (manchmal auch gleich) stellt die Psyche vor die Schwelle einen "Hüter der Schwelle" - das kann sein ein Riese, ein Ungeheuer, ein Dämon, ein schwarzer Hund, ein Ritter, eine Totenmaske usw.).

Ein Hinderniss als Schwelle ist ein passives Hindernis der Psyche.


Ein Hüter der Schwelle ist ein aktives Hindernis der Psyche - eine Kraft, die bereit ist Deine Aktionen abzuwehren (nicht bloß zu erschweren wie die Schwelle).

Hüter der Schwelle sind also aktiv gewordene Ängste, moralische oder religiöse Tabus, Konventionen u. Vorschriften, welche das Unterfangen verbieten wollen.

"Ich komme zu einem flachen, gegen eine Felswand tiefer werdendem Becken mit vollkommen klarem Wasser. An der tiefen Stelle des Beckens führt eine dunkle Höhle ins innere der Felswand. Voll Freude stürze ich mich in das herrliche Wasser. Es wäscht alle Unreinheiten von mir ab. Dann kommt der Hüter des Beckens, ein kleines Kind, und verbietet allen, die nicht rein sind, den Zutritt zum Becken. Aus der Höhle ertönt ein Grollen und Wogen werden ausgespien, die in kleinere Wellen abebben, von denen ich mich selig tragen lasse.

Als die Wogen vorbei sind, trete ich durch das Felsentor hindurch, mit dem festen Empfinden, daß dies der Zugang zur Unterwelt, zum Jenseits ist. - Ich komme in eine riesige, kahle Höhle. In ihr befinden sich menschliche Wesen mit schwarzen Panzern, auf denen Knochen reliefartig abgebildet sind. Keiner jedoch ist mir feindlich gesinnt. Da kommt auf einem großen Wagen Kali, die Göttin der Unterwelt gefahren. Sie ist wunderschön, mit blauen Edelsteinen und Türkisen geschmückt und sie hat große, dunkle, geschwungene Augen. Als ich auf sie zutrete, streift mein Ärmel einen kunstvoll gefertigten Pfau, der ganz mit Türkisen bedeckt ist. Durch meine Berührung erwacht er zum Leben. Ich biete ihm meinen Arm an und der Göttervogel Vishnus steigt ohne Scheu sofort darauf. So betrete ich den Wagen Kalis, der sich auf einen fast unmerklichen Wink der Göttin in Bewegung setzt und immer schneller dahinrast. Ich gehe zur Rückseite des Wagens und sehe dort zahlreiche Menschen ans Bambus-Gitter geklammert, um während des rasenden Laufes des Wagens nicht hinuntergeschleudert zu werden. Ich tue es ihnen gleich. Wer hinaus fällt, für den wird der Ort, da dies geschieht, zum Tor der Wiedergeburt. Je länger man sich auf dem rasenden Gefährt halten kann, desto besser werden die gebotenen Möglichkeiten der neuen Verkörperung. ich aber möchte bis zum Ende bleiben....
Hierbei träumte ich viele Träume, jeder ein Leben. Ein Traum jedoch ist besonders wichtig, ich darf ihn nicht vergessen...."

 Einige Erscheinungsformen

 Gevatter Tod

Aus einer Zuschrift: Es war so: Ich hab Gevatter Tod gerufen und er ist auch gekommen. Ich hab ihn gebeten, mich zu unterrichten und er hat ja gesagt. Er hat seine Hand auf meine gelegt und wieder hat mich dieses starke Gefühl durchströmt, was von ihm ausgeht. Ich kann das so schwer beschreiben. Es ist sehr mächtig und positiv, aber ich hab auch Angst davor, weil ich dem völlig ausgeliefert bin und es nicht kontrollieren kann. Wenn ich sag, er hat seine Hand auf meine gelegt, stimmt das nicht ganz. Ich hab von ihm weder eine Hand, noch ein Gesicht, noch sonst was gesehen, auch nicht aus Knochen. Er bestand nur aus einer braunen Kutte und dieser starken Energie und der Stimme, die ich Dir das letzte Mal beschrieben hab. Ich hab ihn gefragt, ob ich jetzt sterben werde. Er hat gelacht und nein gesagt. Er hat gesagt, es stimmt, er ist ein Helfer. Er hat gesagt, er beschützt das Leben, damit der Rest sterben kann. Aus dem Satz bin ich nicht schlau geworden. Das hab ich ihm auch gesagt.

 Ritter: Die Panzerung ist ein Hinweis auf Unangreifbarkeit und das Schwert Hinweis auf beabsichtigte Abwehr.

"Ich ging einen steinigen Weg, der sich zwischen Felswänden durchwand. Die Landschaft trug in sich die Atmosphäre des Geheimnisvollen. Als der Weg eine Biegung machte, stand ich vor einer Brücke mit steinernen Stiegen dahinter. Diese führten zu einem schweren, geschlossenen Tor, das direkt in die Felswand führte. Auf der Brücke stand ein Ritter, der mir den Weg versperrte. Darauf zog ich mein Schwert und kämpfte mit ihm. Kämpfend gelangte ich zu den Stufen, sicherte mir den höheren Platz und der Angreifer gab auf. Dann öffnete ich das Tor und trat ein."

 Riesen: Riesen sind aufgebauschte Hueter der Schwelle. Diese drohen nicht durch schreckliches Aussehen, durch aggressive Attribute wie Waffen oder Klauen, sondern durch ihre Größe und Stärke; wie im Märchen so gilt auch im Traum: "dem Mutigen gehört die Welt". Der Mut im Traum hat noch etwas besonderes an sich: ist man sich teilweise der Tatsache bewußt, daß man träumt, ist es auch leichter "mutig" zu sein, weiß man doch letztendlich, daß einem nichts passieren kann; andererseits ist es gerade der Grad der Bewußtheit, der im Traum alle Türen öffnet.

"Der Nebelriese": "Ein Weg durch steinige Landschaft führte zur fernen Silhouette eines riesigen Tempels. Es war der Eingang zur Unterwelt. Schon von weitem konnte man fühlen, daß dieser Tempel von Wissen und Grauen durchdrungen war. Schon hatte ich mich dem Tempel genähert, als davor ein etwa zehn Meter hoher Riese erschien, reglos und breitbeinig sich über den Weg aufbauend. Ungeachtet dessen schritt ich auf ihn zu und gewahrte zu meinem Erstaunen, daß der Riese immer durchsichtiger wurde, als wäre er bloß eine Illusion. Er wurde zu Nebel und ich schritt durch ihn hindurch. Der Weg zum Tempel war frei. Ein langer Gang führte in das Innere, an seinen Wänden Spiegel und darinnen waren die Verfehlungen des Lebens zu sehen, groß und anklagend. Mit dem Gang war die Spiegelgalerie nicht zu Ende, denn danach kamen Säle, ebenfalls mit Spiegeln an den Wänden, - ein Spalier von stummen, fühlbaren Anklagen, die erst dann voll erwachten und das ehemalige Ereignis entfalteten, wenn man den Blick auf sie richtete. Erst nach dieser Passage der Erinnerungen war der Weg frei in die Unterwelt."

 Fährmann: In der griechischen Mythologie ist es Charon, der die Toten über den Acheron führt. Wenn der Fährmann in dieser mythologischen Bedeutung auftritt, so handelt es sich um humanistisch gebildete Menschen, welche die Symbolik der Mythologie entlehnten.

Friedrich Hebbel, "Tagebuch, 24. März 1860"
"Frau von Engelhofen bei uns. Sie erzählte, ihr Mann habe acht Nächte vor seinem Erkranken immer denselben Traum gehabt, die neunte mit einer Variante. Er ist in einer fremden, ihm ganz unbekannten Landschaft, ein breiter, heller Strom in der Mitte, jenseits Nebel. Ein Schiffer steht am Strom, wenn er sich aber nähert und ihm Geld für`s Überfahren bietet, weist der Mann ihn finster zurück. In der neunten Nacht wird er aber freundlich, läßt ihn in seinen Nachen steigen und fährt ihn pfeilschnell hinüber ans andere Ufer. Hier wird alles hell und ein stattlicher Palast erhebt sich, aus dem sein verstorbener Vater hervortritt und ihn freundlich bewillkommet.
- Er deutet diesen Traum auf eine Reise zu; an eben diesem neunten Tag aber erkrankt er und stirbt im Verlauf einer Woche."

 Schlange: Als Hüter der Schwelle ist die Schlange von meist erhabener Erscheinung. Sie tritt dann als Einzelwesen auf und nicht in
Gruppen oder in Massen (wie in ihrem Symbolaspekt für Trieb), was auch ihre Einmaligkeit unterstreicht. Ein Hüter der Schwelle ist auch oft so etwas wie ein Herrscher über eine Sphäre und trägt in diesem Falle Herrscherattribute (z.B. beim Tod die Sense). Bei der Schlange sind Herrscherattribute: erhobene Haltung, besondere Zeichnung, manchmal eine Krone, Beziehung zu Juwelen und Schätzen.

"Etwa 200m vor mir sah ich einen langgestreckten Tempel, dessen mächtiges Tor, das wußte ich, den Eingang zum Jenseits darstellte. Vor diesem Tor stand eine überirdisch große Schlange, die allen Menschen den Zutritt verwehrte. Noch in einiger Entfernung stellte ich mich vor sie, in der magischen Haltung der Man-Rune und begann langsam mit meinem Oberkörper seitlich hin und her zu schwingen, wie die Fakire mit ihrer Flöte. Die Schlange verlor ihren Zorn, wurde ruhiger und begann ebenfalls hin und her zu schwingen. Sie wurde sogar ganz gutmütig und ließ mich eintreten."

"Im grauen Dämmerlicht stand ich in einer Ebene, deren wenige Konturen sich bereits nach wenigen hundert Metern verloren. Vor mir jedoch stand ein hoher Grabstein, wie ein Obelisk, von Kreisen umgeben, die in die Luft gezeichnet waren. Während ich diesen Grabstein aufmerksam betrachtete, erhob sich vor ihm eine etwa drei Meter große weiße Schlange. Diese sprach zu mir und belehrte mich über die vier unterirdischen Reiche, bestehend aus Felsenhöhlen, Tümpel und Gewässer, bevölkert von vier Gruppen von Tieren: jene der Würmer, die der Schnecken und noch zwei andere, die ich vergessen habe. Ich war tief beeindruckt."

 Schwarze Katze

Die Katze mit ihrem Ruf als Besitzer magischer Kräfte (siehe neun Leben, Katze als Begleittier von Hexen, "der gestiefelte Kater" etc.), in ihrer Launenhaftigkeit ,in ihrer Farbe, speziell der schwarzen und als Jäger, der die Nacht bevorzugt, wird gerne mit den dynamischen Aspekten des UBW identifiziert.

"Es ist Nacht. Gemeinsam mit den Yogis A. und S. gehe ich durch eine eigenartige Wiesenlandschaft. Wir gelangen zu einem mächtigen schmiedeeisernen Tor, das in einen Garten führt. Doch kaum treten wir näher auf das Tor zu, als vor uns eine riesenhafte, dunkle Katze auftaucht. Sie stellt sich mit ihren Vorderbeinen auf den Torbogen und pfaucht uns mit aufgerissenen, funkelnden Augen an.
Dies ist ein reißendes Monster, das Menschenfleisch bevorzugt. Wollten wir in das Innere des Gartens und in das Haus gelangen, so steht uns eine schwere Aufgabe bevor. Obwohl zum Teil der Tatsache des Träumens bewußt, fühle ich mich keineswegs sicher. Durch magische Tricks gelingt uns letztendlich der Zutritt zum Haus, während die Katze wütend pfauchend das Haus umstreicht und mit ihren Pfoten durch Türen und Fenster hineinangelt. Ohne zu wissen was zu geschehen sei, besitze ich die Ahnung, daß wir irgend etwas hier in Ordnung bringen sollten. Wir machen Licht - und vielleicht war dies auch das Wesentliche. Schließlich bricht der Tag herein und das Ungeheuer verwandelt sich in eine karamell-goldene Katze, die sich wohlig schnurrend streicheln läßt."

 Hund: Durch Jahrtausende ist der Hund in seiner Funktion ein Wachhund; was liegt näher, als daß er im Traum desgleichen diese Funktion übernimmt. Im Status hat der Hund eine tiefere Stellung als der Mensch und so auch im Traum; es sind entwicklungsmäßig tiefere Bereiche, die zu bewachen ihm obliegt. In der griechischen Mythologie ist es der Höllenhund Kerberos, mit drei Köpfen und Drachenschwanz. Er bewacht den Eingang zum Hades.

"Der Weg in die Unterwelt", luzider Traum
"Auf meinem Weg durch eine Stadt erregte ein sehr großes, amtlich aussehendes Gebäude meine Aufmerksamkeit. Davor war ein Platz, wodurch die Bedeutung des Bauwerkes noch unterstrichen wurde. Ich ging hin, mußte 10 Schilling Eintrittsgeld zahlen und durfte dann das Tor durchschreiten. Wie ich dann gleich bemerkte, konnte darnach keiner mehr hinaus, denn neben dem unpersönlichen Kassier stand ein großer struppiger Hund, der jeden anknurrte, der es wagte auch nur einen Schritt zurück zu gehen. Als ich weiter ging, verzweigte sich der nun düstere und leicht abwärts gehende Gang in viele Irrwege mit matt am Boden liegenden Menschen. Zuletzt gelangte ich zu einer Balustrade am Rande einer großen Höhle. Hinabblickend gewahrte ich ca. 10 m tiefer den festgetretenen Boden der Höhle, von wo aus viele Gänge abzweigten. Diese tiefer liegende Höhle war noch schrecklicher als alles vorher Gesehene und die Menschen dort hatten fellbewachsene, tierartige Gesichter. Neben mir stand nun ein Wächter, der mich einen abfallenden Weg dort hinunter schicken wollte. Ich fühlte jedoch eine starke Macht in mir und hielt ihm meinen Ring (den trug ich als auserwählter Nachfolger meines Yogalehrers) entgegen. Da begann der Ring zu strahlen und alle Tore wurden aufgestoßen, die Menschen waren befreit und konnten diesen schrecklichen Ort verlassen - die meisten von ihnen jedoch strebten gleich darnach wieder dem Gebäude zu."

 

© copyright Alfred Ballabene, Wien