Jnana Yoga

 Jnana Yoga gilt als der Yoga des Wissens und des Erkennens. Meist wird hierbei Wissen und Erkennen intellektuell aufgefasst. Aber so ist es im Jnana Yoga nicht gemeint. Es wird ein Wissen und Erkennen durch Erfahren angestrebt und nicht durch intellektuelle Information.

"Wissen ohne Erfahrung führt in die Irre Erfahren ohne Wissen führt ebenfalls in die Irre." (Ausspruch von Sadhu Aghoreswar)

 

 Die vier Mittel der Erlösung im Jnana Yoga

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Der Jnana Yoga vertritt die Lehre der Advaita (= Nichtzweiheit). Die Advaita lehrt, dass die Schöpfung (gemeint ist die Wahrnehmung der Schöpfung) Illusion ist. Das eigentliche Wesen des Menschen ist gemäß dieser Lehre jenseits aller Formen, jenseits von Zeit und Raum. Im Tantra wird dieser Zustand Shiva zugeschrieben, wobei man in diesem Fall unter Shiva nicht eine Gottheit sondern ein Allbewusstsein versteht. Allbewusstsein ist nach dieser Auffassung der Ursprung des Lebens und alles Seienden. Das Allbewusstsein bedarf für seine Existenz keines Körpers, es kann für sich allein existieren. Ein Bewusstsein, das an keinen Körper gebunden ist, ist speziell den naturwissenschaftlich orientierten Menschen im Westen schwer vorstellbar, wenngleich sich die Physik dem ein wenig nähert, wenn sie erklärt, dass alles Information ist.

Im Menschen verliert sich das formlose Allbewusstsein in einen Traum, den Traum einer vom Allbewusstsein isolierten eigenen Existenz. Die Schöpfung ist die Kulisse für diesen Traum. Als Kulisse verliert sie die ihr im Westen zugemessene Bedeutung und ist für den Yogi nicht mehr als Illusion (Maya).

Im Jnana Yoga versucht der Yogi/Yogini die Illusion der Schöpfung zu durchschauen. Dies ist im Zustand der Erleuchtung möglich. Der Weg dort hin ist weit. Der Jnana Yoga hat ein hierfür eigenes System entwickelt, welches in den 4 Grundübungen besteht. Die Erklärung der Grundübungen ist in der Folge Wikipedia entnommen (http://de.wikipedia.org/wiki/Jnana_Yoga):

Das Vorgehen des Yogapraktizierenden, das zu seiner Erlösung führt, wird durch die „vier Mittel der Erlösung“ (Sadhana Chatushtaya), die aufeinander aufbauen, beschrieben.

  • Viveka -- Unterscheidung zwischen Realität (= was unveränderlich ist, Brahman) und der Illusion (= was vergänglich ist, Maya) Modernere Version der Fragestellung: Was ist von bleibendem seelischen Wert und was ist lediglich ein illusionärer Wunsch? 
  • Vairagya --Abkehr von weltlichen Dingen (u.a. Überwindung niederer Triebe), Loslösung von dem, was als vergänglich erkannt wurde. 
  • Shad-sampat -- Die sechs Tugenden: Sama (Geisteskontrolle), Dama (Sinneskontrolle), Uparati (Entsagung von schädlichen Handlungen), Titiksha (Ausdauer), Shraddha (Glaube), Samadhana - (innere Sammlung, Ausrichtung des Geistes)
  • Mumukshutva -- der intensive Wunsch zur Befreiung und Erkenntnis als treibende Kraft. Es ist der letzte Wunsch, der alle anderen Wünsche ersetzt, aber letztlich auch aufgegeben werden muss, um Befreiung zu erreichen.

=> Der Jnana Yoga lehrt, dass die (Wahrnehmung der) Schöpfung illusionären Charakter hat (=Maya). Aufgabe des Jnana Yogis/ini ist es diese Täuschung zu durchschauen.

So leicht der Erkenntnisweg des Jnana Yoga auf ersten Anblick erscheinen mag, so schwer ist er in der Durchführung.

 Viveka (Unterscheidungsvermögen)

Viveka ist das Unterscheidungsvermögen, zwischen dem was von beständigem Wert ist (unvergängliche innere Werte) und dem Vergänglichen, das uns an die irdische Welt bindet. Um dieses Unterscheidungsvermögen zu entwickeln und zu festigen gibt es die Suchfrage "Wer bin ich, woher komme ich, wohin gehe ich" (nach Ramana Maharishi ein Jnana Yogi der jüngsten Zeit).

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Die Suchfrage erwirkt am Anfang des Yogaweges zunächst einen intellektuellen Impuls und verhilft zur Orientierung. Es führt zu einer Vertiefung der Frage nach dem Lebenssinn und der Zielsetzung des Yoga. Immer wieder während des Tages vor Entscheidungen und Beurteilungen wird diese Suchfrage innerlich wachgerufen, bis sie so tief eingeprägt ist, dass sie uns als Automatismus begleitet, womit die bewusste, mentale Durchführung dieser Version der Übung beendet ist.

Die Suchfrage festigt das Lebensziel (Selbstfindung) und zeigt im Kontrast hierzu die Alternative, nämlich der Kreislauf der nie enden wollenden Wiedergeburten. Die Wiedergeburten wurden in Indien in der Zeit von Lalla nicht als Schule des Lebens aufgefasst wie gegenwärtig. Das Prinzip der Evolution war den älteren Versionen des Yoga fremd. Die Geburt, ob in dieser oder einer jenseitigen Welt wurde als Bestrafung oder Belohnung gesehen. Endlos wiederholen sich die Geburten, bis einmal durch glückliche Fügung der Zustand des Moksha, der Befreiung erreicht wird.

Die Suchfrage des Jnana Yoga kennt verschiedene Schwierigkeitsstufen. 

  • Die Suchfrage am Anfang des Weges: Hier dient sie zur ideologischen Festigung der Absichten den Weg des Jnana Yoga zu gehen und die Erkenntnis des wahren Seins zu erringen. 
  • Fortgeschrittene Anwendung der Suchfrage: Nach der intellektuellen Rückfrage, die zu einer Festigung des Yogaweges und zum Unterscheidungsvermögen geführt hat, kommt eine sehr schwere Form der Suchfrage, in welcher das Denken zum Schweigen gebracht werden soll und die Antwort durch ein nach innen Lauschen erfolgt.

Um die vertiefte Suchfrage "Zieh Deine Aufmerksamkeit von außen zurück und richte sie auf Dein innerstes Selbst." durchführen zu können, bedarf es der Fähigkeit der Gedankenkontrolle und später die der Gedankenstille.

 Vairagya - Loslösung vom Vergänglichen (tantrische Vorgehensweisen)

Vairagya erfolgt in zwei Schritten: 

  • Der/die Yogaausübende führt sich die Vergänglichkeit des Lebens und aller Lebensgüter vor Augen. 
  • Objekte und Handlungen werden aus der Sichtweise des Vergänglichen beurteilt. (Ethische innere Werte und Lebenserfahrung werden als unvergänglich betrachtet)

Von den Anhaftungen an das Irdische frei zu werden ist eine schwere Aufgabe. Wir sind von Kindheit an durch Umwelt, Eltern und Gleichaltrige geprägt worden. Hierbei wurde uns beigebracht was im Leben schön und anstrebenswert ist. Reklame auf Schritt und Tritt hat auf uns eingewirkt, mit Hinweisen wie wir aussehen sollen und was wir konsumieren sollen, damit wir anerkannt und geliebt werden. Konsum, der uns glücklich macht. Alle die in uns aufgeprägten Wünsche sind in unserem Kopf verankert und von daher haben wir auch die Möglichkeit über sie zu siegen, vorausgesetzt wir lernen unsere Gedanken und Wünsche zu kontrollieren.

Uns von Prägungen frei zu machen ist gegenwärtig noch vordringlicher und um nichts weniger schwierig als damals zu Lallas Zeiten. Was damals starre soziale Traditionen waren, sind jetzt Gewohnheiten und Verhaltensweisen, die man annehmen muss, um "mit dabei zu sein". Wenn man sich in ungeschickter Weise davon löst oder zu schwach ist, um dafür einzustehen, dann isoliert man sich. Kleinweise und durch Kompromisse schaffen wir unseren eigenständigen Weg nie. So galt es damals im Jnana Yoga und so gilt es auch heute noch. Es erfordert ein generelles Umdenken. Manche glauben, dass das unmöglich sei, aber es ist nicht unmöglich!

Lal Ded, die berühmte indische Yogaasketin macht sich durch zahlreiche Verse selbst Mut:

20. of JK, 20. of NNK

Was anfangs bitter ist wird süß (Askese),

was anfangs süß ist wird Gift (weltliche Vergnügen).

2. of JK, 14. of BNP

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Ich weine und weine um Dich (oh Shiva) aus tiefster Seele.

Die Welt umgarnt die Seele mit ihrem Zauber.

Selbst wenn sich jemand mit einer stählernen Ankerkette an sie klammert,

nicht einmal ein Schatten all der Begehrlichkeiten bleibt ihm nach dem Tod!

Wie nur kann jemand sein wahres Selbst vergessen?

Manche glauben, dass wir durch das "Nichtanhaften" an weltlichen Dingen weltfremd oder gar hartherzig werden. Das stimmt nicht. Man kann in der Welt leben, Pflichten und Aufgaben erfüllen und dennoch von weltlichen Dingen unabhängig bleiben.

Damals, in der Zeit Lall Ded´s aber auch heute noch gehört zum Aspekt des Viveka die Vorliebe der Tantriker sich der Vergänglichkeit durch die Nähe des Todes und intensiver Beschäftigung damit bewusst zu werden.

 Shad-sampat - Regeln für ein tugendhaftes Leben.

Das Paradies wird im Tantra als vergänglicher Ort der Belohnung gesehen. Sobald die Zeit des Genießens im Paradies vorbei ist, beginnt sich das Lebensrad wieder von Neuem zu drehen. Wiederum werden durch Verblendung Fehler begangen und wiederum erhält das Karma neue Impulse. Deshalb ist das Paradies kein Ziel sondern nur ein weiterer Ort der Verblendung.

Gier, Unzucht und Eitelkeit - die Achse des Karma-Rades im Vajrayana Buddhismus (Ursachen der Wiedergeburt)

 Mumukshutva - der intensive Wunsch nach innerer Freiheit und Erkenntnis.

Erkenntnis ist hier nicht intellektuell gemeint. Eine jede Erkenntnis im Yoga baut auf Innenschau und Erfahrung auf, verknüpft mit Nachdenken.

Eines bringt der Jnana Yoga noch zusätzlich was hier noch nicht erwähnt wurde: durch die Richtlinien, nach denen man sein Leben orientiert, lernt man die Welt und was sich in ihr abspielt mit anderen Augen sehen und beobachten. Manche Irrungen und Abläufe des Lebens finden sich so oft und so regelmäßig, dass man aufhört sich darüber zu verwundern und man sie wie Naturgeschehen akzeptieren gelernt hat. Man beobachtet und lernt daraus. Verhaltensformen, unterschiedliche Lebensstrategien, Schicksalslehre, all das verwebt sich zu einer Wissenschaft, die in ihrer Gesamtheit keinen Namen hat (außer "Yoga"), da sie Transzendentes mit einschließt und als Schicksalsgewebe gesehen wird, das Vergangenheit und Zukunft mit einschließt.

Gevatter´s Hand (© copyright Corra, Freithal)

Was früher im Jnana Yoga Verhaltensvorschriften waren, Empfehlungen und Lebensregeln, löst sich mehr und mehr auf und wir sehen statt der einzelnen Teilen einen Strom, ein Strom des Karma, der uns durch die Zeiten und durch die Illusionen von sich veränderten und neuen Zivilisationen treibt.

"Durch welch verflossene Zeiten wohl hat uns schon der Strom des Karmas getragen? Wanderer sind wir. Wenn wir ruhen wollen, so gibt es nur einen "Ort", den Zustand des Shivabewusstseins "sat-chit-ananda". Ob wir dort für ewig verbleiben? Ich glaube nicht. Erweckt durch den Ton OM kehren wir wieder in die Welt zurück - um anderen zu helfen!"

 

© copyright Alfred Ballabene, Wien