Religiöse Überlieferungen über das Leben im Jenseits

Man stellte sich das Leben im Jenseits in den meisten Überlieferungen sehr irdisch vor. Im Judentum und im Christentum dachte man sogar, dass der neue himmlische Mensch am Tag des jüngsten Gerichtes sich aus dem Erdstaub wieder neu bilden würde. Aus diesem Grund durften (und dürfen) jüdische Friedhöfe bis heute nicht aufgelassen und geschliffen werden.

In der drei Weltenlehre wurde im Laufe der Zeit die Unterwelt und die Oberwelt immer stärker polarisiert. In der Zeit des alten europäischen Volksglaubens war die Unterwelt eine durchaus normale lebenswerte Welt, nur mit etwas weniger Sonne, weshalb die Menschen dort ein wenig bleich erschienen. Doch schon im griechischen Hades wurde die Unterwelt zu einer Schattenwelt und einem Ort der Verbannung.

Im Judentum und Christentum letztlich wurde aus der Unterwelt die Hölle.

Der Himmel war schon immer ein Ort des Lebens im Überfluss und des Vergnügens. Dorthin gelangten nur Auserwählte. In Indien waren es jene, die magische Kraft besaßen: Götter, Naturwesen, Asketen, Hexer und Hexen und Yogis. Bei den Germanen waren es die tapferen Krieger. Bei den Ägyptern die Pharaonen und hohen Priester.

In den späteren Religionen wurde der Himmel "demokratisiert" und auch dem gewöhnlichen Volk zugänglich, vorausgesetzt es befolgte geflissentlich die religiösen Lehren. Umgekehrt wurden jene, die gegen die irdisch-religiöse Ordnung verstoßen hatten mit der Unterwelt, die nunmehr zur Hölle wurde, bestraft.

Die Tatsache, dass das Jenseits zu einem Ort der Belohnung oder Bestrafung wurde machte auch eine jenseitige Gerichtsbarkeit nötig. Bei den alten Ägyptern herrschte Osiris über das Totenreich. Der Richter war Anubis, welcher auf einer Waagschale das Herz (Gemüt) abwog und auf die andere Waagschale die Feder der Wahrheit Maat legte (die Feder steht für Flügel, Ba-Vogel, Seele).. Maat ist die Ordnung.

Anubis wägt das Herz nach seiner Sündenschwere ab. Daneben stehen die Verstorbenen, ein Mann und eine Frau. Hinter Anubis ist Thot als Buchhalter, der auf 4 einer Papyrusrolle das Urteil fest hält (aus ihm wurde später Petrus als Buchhalter und Hüter des Himmelstores). Hinter Thot ist der Dämon Ammut, der die Herzen der Nicht-Rechtschaffenen frisst.

Im späteren Christentum übernahm Christus als Weltenherrscher die Position von Osiris (ähnliche religiöse Vorstellungen fanden sich in Persien - Zoroaster-Religion und in Babylon, wobei wichtige Elemente aus allen drei Religionen in das Judentum und Christentum Eingang fanden).

Die Rolle des Anubis als Richter übertrug sich im Christentum auf den Erzengel Michael im Partikulargericht. Er wird im Mittelalter oft mit einer Seelenwaage in der Hand dargestellt. Die Rolle von Thot mit der Papyrusrolle übertrug sich auf Petrus mit dem Buch, in dem die guten und schlechten Taten der Menschen eingetragen sind.

Das Prinzip von Belohnung und Bestrafung kam bei den modern gesinnten Menschen nicht gut an. In einem Aufbegehren gegen die Religion war es dieses Prinzip und mit ihm die Jenseitsvorstellungen gegen die angekämpft wurde und die man zu widerlegen versuchte. Anstelle von Belohnung und Bestrafung im Jenseits hieß es jetzt, dass der Mensch keine Seele habe und es auch kein Jenseits gäbe. Das war die Kernaussage des Materialismus, der Gegenbewegung zur Religion. Der Rückschluss für die Menschen aus dieser neuen Lehre war einfach: wenn ich nach meinem Tod nicht bestraft werden kann, weil es keine Seele gibt, kann ich tun und lassen was ich will, vorausgesetzt ich werde durch die weltliche Gerichtsbarkeit nicht ertappt. Betrug, bei dem man nicht ertappt wurde, wurde zur Schlauheit. Die es schafften reich zu werden, ob so oder so waren angesehene Menschen. Und dann kamen wir in eine verhängnisvolle Spirale: es gibt immer mehr und mehr Betrüger, ihre Methoden werden immer ausgefeilter und wer ehrlich zu Reichtum kommen will, schafft es nicht mehr, weil er ohne Steuerhinterziehung und Betrug dem geschäftlichen Konkurrenzdruck unterliegt.

 

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