Sehen wie am ersten Tag

Die Übung beinhaltet zwei wichtige Elemente:

  • für wenige Sekunden Gedankenstille
  • Aufmerksames Schauen (ohne zu denken, ohne zu klassifizieren)

Es dürfen bei dieser Übung keine Assoziationen geschehen wie etwa "das ist ein Baum" oder "das ist eine Wiese".

Nun genaueres zur Übung. Was ist mit dem Übungstitel gemeint? Es soll heißen: am ersten Tag ist uns die Welt noch fremd und wir erblicken alles unvoreingenommen, ohne die Dinge um uns logisch einzuordnen, wie es dann späteren Jahren zu unserer Gewohnheit geworden ist. Wir versetzen uns in einen Frühzustand der Kindheit in welchem wir die Dinge noch nicht kennen und auch so mit nicht kategorisieren und beurteilen.

Nehmen wir als Beispiel eine rissige und fleckige Mauer. Als neuartige Begegnung ist sie für uns weder verfallen noch modern, weder schön noch hässlich. Wir begegnen ihr unmittelbar als einem Gebilde mit Strukturen und Farben, vielfältig und für sich alleine dastehend, eben einmalig. In dieser Weise betrachten wir alles um uns und versuchen unsere Gedanken, die ja zu allem einen Kommentar haben, auszuschalten. Man wird staunen, wie sich die Dinge anders präsentieren; wie aus uralter Versenkung plötzlich emotionelle Erinnerungen aus frühester Kindheit auftauchen. Diese Übung ist nicht nur ein schönes Erlebnis, sie ist noch mehr - eine Entdeckungsreise!

Ein Beispiel: Als ich heute Vormittag im Zug saß, versuchte ich nicht zu denken als die Landschaft vorbeizog und in mir kam ein ganz großes Staunen auf – über all das, was so am Boden lag, die verschiedenen braunen Blätter, Pflanzenreste, die wie Muster aussahen. Das zarte grün auf den Feldern. Dann die Bäume aufgereiht in einer Linie, mehr oder weniger vom Nebel eingehüllt. Die Verschiedenartigkeit der Bäume und ihre Herrlichkeit …. Ich war so im Staunen, dass ich mich auf einmal fragte: Wo bin ich eigentlich? Es war für mich so, wie wenn ich noch nie hier gewesen wäre, bzw. als hätte ich all das hier, diese Szenerie, noch nie gesehen. Und dann tauchte ich auf mit meinem Tagesbewusstsein und erkannte wo ich war. Und es war fast unfassbar für mich, zu erkennen, dass ich jeden Tag beim Zugfenster rausschaue, in eine mir doch angeblich bekannte Landschaft?

Der Zustand hat mich an das Astralreisen erinnert. Alles war so plastisch und voller schöner Stimmung, so wie es war.

 

© copyright Alfred Ballabene, Wien