Tantra

 Die Lehre des Tantra unterscheidet sich von den meisten Religionen dadurch, dass sie die polaren Spannungen in der Schöpfung nicht als einen Konflikt zwischen Gut und Böse, zwischen Gott und Teufel sieht. Sehr wohl ist im Tantra das ethische Verhalten von großer Bedeutung, doch da es keinen persönlichen, richtenden Gott gibt, der in die Schöpfung eingreift, fehlt dem Tantra der Aspekt der Drohung, welcher für viele Menschen für moralisches Verhalten notwendig zu sein scheint.

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Was die Allgemeinheit anbelangt liegen die Religionen mit ihrer ethischen Botschaft richtig. Sie erfüllen damit eine wichtige soziale Aufgabe, verlieren aber zunehmend an Bedeutung. Die Lehre des Tantra ist als erzieherisches System auf der Basis von Belohnung und Bestrafung ungeeignet und kann die Religionen insofern nicht ersetzen. Der Tantra erteilt keine Lebensvorschriften und moralische Denkweisen sind im fremd. Es wird zwar der Egoismus abgebaut, jedoch nicht aus ethischen Erwägungen, sondern aus dem Bestreben des Nicht-Anhaftens. Ethik ist im Tantra ein spätes Ergebnis des individuellen Entwicklungsprozesses und entsteht aus dem Erkennen und Erleben der Alleinheit.

 Polaritäten und Bewegung als Grundkräfte der Schöpfung

Die fundamentale Ansicht im Tantra lautet: ohne Gegensätze gibt es keine Schöpfung. Die gesamte Schöpfung ist Bewegung und Spannung. Diese Auffassung lässt sich großartig in ein modernes, physikalisches Weltbild integrieren.

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Das Zusammenspiel der Gegensätze beschränkt sich nicht auf die materielle Schöpfung, sondern bezieht sich auch auf die ethischen und psychischen Gegensätze im Menschen. Hier hilft das Verständnis, dass Gegensätze notwendig sind, um eine Vielfalt zu ermöglichen. Durch diese der Naturwissenschaft nahen Sichtweise werden Spannungen und Schuldgefühle abgebaut. Die Notwendigkeit der Gegensätze besagt nicht, dass Ethik im Tantra bedeutungslos wäre.

Aus der Sicht der inneren Reifung des Menschen sind Gegensätze als Kontrastmittel notwendig, weil erst dadurch ein Lernen durch Vergleich möglich ist. Hierzu ein Ausspruch von dem großen Yogi Ramana Maharishi: "Niemals könnte ein Film entstehen, gäbe es nicht Licht und Schatten. Beides ist nötig, um die Umgebung zu bilden und die Szenen, in die wir uns selbstvergessend verlieren."

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"Niemals könnte ein Film entstehen, gäbe es nicht Licht und Schatten."

Der Tantra lehrt, dass das grenzenlose Bewusstsein sich durch Identifikation individualisiert. Es drängt sich der Vergleich unseres Lebens mit einem Kinofilm auf. Wenn wir uns einen Kinofilm ansehen, sind wir ganz in die Handlung vertieft, so sehr, dass wir uns selbst als Beschauer vergessen. So geht es dem höheren, unvergänglichen Aspekt des Bewusstseins.

Zurück zu den Gegensätzen. Wir sind hier auf der Erde, um zu lernen. Wir lernen durch Vergleich, durch Irrtum und Korrektur. Die Polaritäten verursachen dynamische Geschehen wo immer wir auch hin sehen. Es bewirkt, dass wir geboren werden und sterben, Leid und Glück erfahren, Gutes und Schlechtes erleben - und aus allem lernen. Ohne dem Hell und Dunkel, ohne die Gegensätze gäbe es keine Schöpfung, gäbe es keine Blumen, keine Wolken und keine Liebe.

Außerhalb der Dynamik der Schöpfung existiert ein in sich ruhendes Bewusstsein. Es entspricht dem Zustand der Schöpfung außerhalb des Raum-Zeit-Kontinuums. In der tantrischen Ikonologie wird es durch den meditierenden Shiva dargestellt. Die Verbindung von Bewusstsein und Dynamik bildet das, was wir Leben nennen.

 Bewusstsein und Schöpfung

Gemäß dem Tantra kann das Bewusstsein auch ohne Verknüpfung mit Materie für sich allein existieren. Ein solcher Zustand wird "reines Bewusstsein" genannt. Bildhaft ausgedrückt wird es als Shiva dargestellt, der sich in Meditation in einem Zustand außerhalb der Zeit, des Raumes und des Formhaften befindet - Shiva als beschauendes Bewusstsein außerhalb der Schöpfung, in sich selbst ruhend.

Da reines Bewusstsein nicht ein Teil des Formhaften ist (das "Formhafte" ist ein gängiger Begriff für die Schöpfung), gibt es weder ein kleines noch ein großes Bewusstsein. Und da das Bewusstsein jenseits der Dualität ist, kann Bewusstsein nicht geteilt werden. Das ist der Grundgedanke, der zur Vorstellung einer All- Beseelung führt, nach der alles, ob klein oder groß, ein ungeteiltes Ganzes bildet = Gott, Shiva, die kosmische All-Kraft, Allbewusstsein oder welchen der vielen Namen man immer auch verwenden will.

Sobald sich das Bewusstsein mit Materie (Shakti) verknüpft und in die Schöpfung eintaucht, identifiziert es sich mit der angenommenen Form.

Der Tantra Yoga ist ein Weg der Befreiung - in ihm wird versucht die Identifikation des Bewusstseins mit der Materie wieder aufzuheben. Wenn dies dem Yogi gelingt, so kehrt er wieder zu dem ursprünglichen Zustand der kosmischen Einheit jenseits von Raum und Zeit zurück. Diesen Zustand nennt man Samadhi, Nirvana, Satori oder sat-chit-ananda. Allerdings, ob dies ein endgültiges Ziel oder ein Zwischenzustand ist, darüber gehen die Ansichten auseinander.

 Shiva und Shakti

Der Tantra-Yoga befasst sich in erster Linie mit der spirituellen Entwicklung des Menschen. Deshalb ist die gesamte Sichtweise speziell auf den Menschen zugeschnitten. Das sieht man in der Bildsymbolik. In ihr werden das kosmische Allbewusstsein und die Schöpfung als Gottheiten dargestellt, zum Beispiel als Shiva und Parvati.

Die Aufgabe der tantrischen Yogis und Yoginis ist es dieses Götterpaar in sich selbst zu entdecken und zu entfalten. Hierbei lernt der Yogi durch Meditation auf das Ajna Chakra sich mit Shiva zu identifizieren, indem er in das Shivabewusstsein eintaucht = frei sein von Gedanken, in sich ruhen. Wenn der Yogi zu sich selbst gefunden hat (Das Shivabewusstssein verwirklicht hat), dann sollte er die Göttin suchen und finden. Er findet die Göttin in seinem Herzen. Hier vereint er sich mit ihr. Dies wird symbolisch als erotische Vereinigung dargestellt. Jedoch ist damit kein sexueller Akt gemeint, wie im Neotantrismus ausgelegt, sondern eine Vereinigung des Shiva-Bewusstseins mit den Shakti- Qualitäten (Liebe, Hingabe, Selbstaufopferung).

Das Herzzentrum (Anahata) mit Shiva und Shakti im Mittelpunkt

Bei einer Yogini ist der Prozess umgekehrt. Ihre Liebe wird immer subtiler bis sie identisch wird mit der All-Liebe von Mahashakti. Sie findet zu sich selbst als große Göttin. Hat sie sich selbst als große Göttin erfahren, begegnet sie voll erlebbar ihrer ersehnten Gottheit im Herzen. Dann wird die "männliche" Gottheit ihr Shivabewusstsein auf sie übertragen. Die Yogini erhält dadurch die Aspekte Stärke, Selbstbewusstsein, innere Stille und magische Gedankenkraft. Im Alltag zeigt sich dies in den Eigenschaften "mitfühlende und hingebende All- Liebe" (Mahashakti) und "Kriegerin" (beschützende Kraft).

Entsprechend der umgekehrten Entwicklungswege bei Mann und Frau gibt es in der Bildsymbolik gibt es zwei Darstellungsweisen - die des Shivakultes und die des Shaktismus, wobei in ersterem Fall Shiva auf der Shakti tanzt und im zweiten Fall die Maha-Shakti auf Shiva tanzt.

 Unterschiedliche Lehrmeinungen des Tantra

Ein wichtiger Ansatzpunkt der tantrischen Yogadisziplinen ist Energie. Nach tantrischer Sprechart ist sie die Shakti in uns. Eine sehr wichtige Quelle der Energie ist die Sexualität. Je nachdem wie die Energiezentren (Chakras) im Menschen entwickelt sind, entsprechend äußert sich die sexuelle Energie, von purer animalischer Triebkraft bis zu einer kosmischen All-Liebe.

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 Ein Überblick über die wichtigsten tantrischen Lehrmeinungen zum Aspekt Liebe und Sexualität:

Neotantra: Der Neotantra ist eine Mischung aus dem indischen Tantra der linken Hand und modernem Wellness-Denken.

Tantra der linken Hand: Nach dieser Auffassung ist ein kosmisches Einheitserleben ein ekstatischer Zustand, wie er im Orgasmus erlebt werden kann. Nach dieser Lehre ist der Orgasmus jener Zustand, den auch der Schöpfergott hatte, als er die Welt erschuf. Im Orgasmus wird der Mensch dieser Lehre zufolge eins mit dem Göttlichen, das sich in einem permanenten ekstatischen Zustand befindet, wodurch die Schöpfung erhalten und erneuert wird.

Tantra der rechten Hand: Dies ist eine konträre Geisteshaltung zum Tantra der linken Hand. Da die hauptsächlichsten Repräsentanten des allgemeinen Yoga, die Sadhus, Swamis, Sannyasins etc. Mönche und Nonnen sind, werden von ihnen Lehren vertreten, denen gemäß der sexuelle Akt ein Vorgang ist, bei dem schöpferische Energie verbraucht wird. Schöpferische Energie wird mit der eigenen Lichtenergie (Shakti) gleich gesetzt. Diese Energie will man zur Stärkung der Kundalini erhalten und speichern.

Liebesverbindung mit jenseitigen Wesen: Nach Überlieferungen wie man sie von Siddhas und Mahasiddhas her kennt, lebten diese Sadhus und Yogis mit Dakinis zusammen. Es waren Asketen, die zurückgezogen von der Welt lebten. Sie hatten eine Liebesverbindung zu transzendenten Wesenheiten, die zugleich ihre Lehrer auf magischem Gebiet waren. Eine solche Verbindung nennt man im modernen Sprachgebrauch "Geisterehe". Die Vorstellung einer Geisterehe ist den Menschen unserer Zeit völlig fremd und nicht vorstellbar. Vorschnell wird behauptet, dass eine Geisterehe ein psychisch verdrehter Ersatz für regulären Geschlechtsverkehr ist. In den "Primitivreligionen" und im Schamanismus war eine Geisterehe jedoch sehr häufig, und in einigen "Primitivreligionen" die Regel. In diesen alten Systemen lag der Schwerpunkt nicht im sexuellem Erleben, sondern in der Vermittlung von magischen Fähigkeiten.

Vielleicht haben alle oben angeführten Richtungen teilweise recht - etwa jede Richtung für ein spezifisches Gebiet. Auf jeden Fall sollte man bedenken, dass Yoga Praktizierende körperlich, psychisch und spirituell unterschiedlich veranlagt sind und deshalb unterschiedliche Systeme benötigen. Aus diesem Grund sollte man mit Bewertungen und Verurteilungen vorsichtig sein. Die Situation kann man gut durch das Elefantengleichnis beschreiben:

Die blinden Männer und der Elefant

Einstmals lebte in Nordindien ein König, der seinem Diener gebot: "Lasse alle Blindgeborenen der Stadt zusammenkommen." Als dies geschehen war, ließ er den Blindgeborenen einen Elefanten vorführen. Jeden ließ er zu einem anderen Körperteil führen und diesen untersuchen, wie zum Beispiel ein Bein, den Rüssel, ein Ohr oder einen Stoßzahn. Dann fragte er: "Ich habe Euch zu einen Elefanten führen lassen. Sagt mir wie ist ein Elefant beschaffen?" Da sagten der, welcher das Bein abgetastet hatte: "er ist wie eine Säule". "Aber nein", sagte der, welcher das Ohr betastet hatte. "Stimmt nicht, er ist wie ein Seil", sagte der, welcher beim Rüssel stand. "Wie kann man nur solch einen Unsinn reden", sagte ein anderer, der den Bauch abgetastet hatte. "Er ist wie ein riesiger Speicher." Da ein jeder von ihnen überzeugt war, dass seine Wahrnehmung richtig war, verwarf er die Aussagen der anderen. So fingen sie zu streiten an und bezichtigten einander falsch beobachtet zu haben und die Wahrheit nicht zu erkennen.

 Moksha, die Befreiung von den Wiedergeburten

Moksha oder Mukti - Erlösung, Befreiung von den Wiedergeburten. Es bedeutet, dass der Yogi, der Moksha erreicht hat, kein Karma mehr abtragen muss und dadurch vom Zwang der Wiedergeburten befreit ist. Während speziell in früheren Zeiten, die Welt als sehr leidvoll angesehen wurde und sich durch Moksha von ihr loszusagen das vordringliche Ziel war, gibt es gegenwärtig immer öfters Yogis, denen die mit Moksha verbundene Entscheidungsfreiheit das attraktive Ziel geworden ist. Es wird von diesen Yogis freiwillig auf einen Verbleib in einem höheren Zustand verzichtet, um auf die Erde herabzusteigen und anderen zu helfen.

Zur tantrischen Bildsymbolik in Bezug zu Moksha: Im Tantra sind sehr häufig Todesgötter dargestellt. Diese werden von Vertretern der tantrischen Lehre völlig anders gesehen als von westlichen Kommentatoren interpretiert. Für den Tantriker hat etwa Shiva als der Zerstörer nichts mit Destruktivität zu tun oder mit einer personifizierten Todesgottheit im westlichen Sinne. Das momentane Leben und sein Übergang in einen anderen Zustand, worunter der Tod des Körpers im Westen gemeint ist, hat im Tantra nur periphere Bedeutung. Und zwar deshalb, weil das Leben in einer illusionären Verstrickung mit Maya (die Schöpfung als Illusion) weiter geht, sich im jenseitigen Leben fortsetzt, um dann neuerlich zu einer Wiedergeburt zu führen. Eine Todesgottheit wie Shiva ist im Tantra der Befreier und Zerstörer der Illusionen, der Helfer zum Zustand des Moksha.

Den Zustand des Moksha stellt man sich als jenseits von einem Raum- und Zeit- Empfinden vor, ohne Ich-Empfinden und als reines Sein. Schöpfung, Dualität, Ich- Bewusstsein, Gut und Böse, all das ist nicht mehr existent und statt dessen ein Gefühl von Friede, Grenzenlosigkeit und Glück.

 Zur Skizzierung der Vorgehensweise im Tantra:

  • der Tantra ist keine Religion
  • der Tantra ist eine Praxis
  • der Tantra kennt keine vorgeschriebenen Wege
  • Die Verwirklichung im Tantra vollzieht sich in individueller Empirie

 

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