Traumsymbole und ihr Ursprung

 Träume sind eine visuelle Sprache

Bevor man sich mit den einzelnen Traumsymbolen befasst, sollte man sich überlegen von welcher Art die Sprache unserer Träume ist. Unsere Wortsprache fußt auf Tonschwingungen, die in linearer Weise ablaufen. Aus den Tonmodulationen bauen wir unsere Worte auf und damit unsere Tonsprache. Es kann vorkommen, dass in den Träumen auch gelegentlich gesprochen wird. Im Wesentlichen jedoch sind die Träume eine Bildsprache. Stelle Dir vor Du wärest taubstumm, hättest aber so etwas wie einen Computermonitor, auf dem Du je nach Wunsch ohne viel Mühe Bilder erzeugen könntest. Jetzt denke Dich in eine Situation hinein, wo Du etwas mitteilen willst. Etwa: "Ich habe Hunger". Wie würdest Du diese Mitteilung abfassen? Oder "Ich habe Angst". Wie würdest Du das ausdrücken, wenn Du keine Worte in der Art von Tonschwingungen verwenden kannst? Du kannst es nur in einer Bilderfolge sprechen. Wie würdest Du diese Bilderfolge wählen?

Es ist doch hoch interessant, sich einmal umgekehrt, nämlich als Mitteilender statt wie üblich als Ausdeuter in diese Situation hinein zu leben. Die Menschen besitzen diese Sprache schon seit Jahrmillionen und selbst in unserer heutigen Zeit, beachten die Leute welche sich mit Traumdeuten befassen noch immer zu wenig, dass sich Träume einer vorwiegend optischen Sprache mit Bildern als Vokabular bedienen und daraus die vielen Eigenheiten der Trauminhalte entstehen.

 Traumsymbole und die Welt um uns

Das Zentrum unseres organisch gewachsenen Bewußtseins, das Gehirn, befindet sich innerhalb einer Knochenhülle und ist darauf angewiesen mit Hilfe einiger weniger Sensoren sich ein Bild von der Umwelt zu machen. Die Anzahl der Sensorischen Inputs, die Striche, Kurven und Farbflecken, welche uns z.B. unser Auge liefert muß klein gehalten werden. Denn je größer die zu verarbeitende Datenmenge ist, desto langwieriger und komplizierter ist der Verarbeitungsprozess. Noch immer sind es freilich sehr viele. Aus diesem Grund bildet das Gehirn vermutlich eine Anzahl von Layouts - Grundmustern, in welche die Inputs einfließen und zu einem Ganzen geformt werden. Diese Grundmuster sind nicht nur Gestaltelemente, sondern sie sind auch mit Emotionen geladen und in ein Beziehungsraster gestellt. Es sind diese Grundmuster, welche uns in unseren Träumen als Symbole begegnen und welche wahrscheinlich auch in den Träumen, wenn man sich die Träume als Verarbeitunghsprozess denkt, zu anderen Mustern in Beziehung gesetzt werden.

 Die Hierarchie der Symbole

In der Einleitung habe ich die Symbole als Produkt eines cerebralen Verarbeitungsprozesses darzustellen versucht. Wenn dem so ist, so kann man eine weitere Folgerung ziehen, nämlich, daß es in diesen Strukturen auch eine Hierarchie der Bedeutung geben muß. Denn es ist wesentlich, daß das Gehirn schnell entscheiden kann, was bedeutend ist und was nicht. Diese Entscheidung wird sehr rasch getroffen und erst dann im Nachhinein wird das Objekt, welches in das Bedeutungszentrum gerückt ist, einer genaueren Analyse unterzogen. Das heißt, erst dann, wenn es wichtig zu sein scheint, blickt oder hört man genauer hin.

Des weiteren sind die symbolischen Inhalte Strukturelemente und müssen sich als solche nach Gesetzmäßigkeiten bilden, die für alle Menschen gleich sind - durch Evolution selektierte Optionen.

Durch simples Rückfragen kommen wir zu einem Schema, welches uns zeigt, welche Elemente für einen Organismus, hier der Mensch, wesentlich vom Standpunkt der Überlebensfrage sind.

Daraus folgernd können wir sagen, das Wesentlichste ist der Mensch selbst. Er steht im Mittelpunkt seines eigenen Interesses und damit auch im Mittelpunkt aller Symbolbildungen. Dieser Mittelpunkt, der er selbst ist, ist nicht bloß ein philosophisches Abstraktum, sondern ist ein körperliches Gebilde mit Strukturen, Handlungsmöglichkeiten und Wahrnehmungen. Diese Strukturen, Handlungs- und Wahrnehmungsorgane sind seine Beziehungselemente zur Umwelt und von dieser Warte auch wird die Umwelt gemessen. Aus diesem Grund besteht die oberste Hierarchie der Symbole aus Inhalten, welche unsere Anatomie und unsere Wahrnehmungsorgane beinhalten. Das, was nachher kommt, nämlich die Umwelt, wird aus dieser Warte bemessen und beurteilt.

Ein Beispiel:
Auf den ersten Blick erscheinen uns die vier Himmelsrichtungen als logisch und naturgegeben: Es sind zwei Richtungen, nämlich dort, wo die Sonne auf bzw. unter geht; eine Richtung ist dort, wo sie am höchsten steht und natürlich ist da noch die konträre Richtung. A priori zweifelt niemand, daß dies eine kosmische Naturgegebenheit ist. Tatsächlich bewegt sich die Sonne jedoch in einem Kreisbogen, mit unterschiedlichen Orten ihres Erscheinens und Unterganges während des Jahres und es gibt gar keine vier Richtungen. Das dynamische Geschehen der Sonnenbewegung friert der Mensch sozusagen ein und formt es zu einem Kreuz, in dessen Mittelpunkt er selbst steht und von wo aus er die Welt in vier Himmelsrichtungen und Zonen einteilt. Hier haben wir einen Fall, wo die Symbolik, welche aus der menschlichen Anatomie erwächst und der obersten Symbolhierarchie angehört, als strukturbildendes Element der Orientierung sich der umgebenden Welt aufprägt.

 

 

Paradiesgarten mit den Flüssen Euphrat, Pison, Gihon, Hiddekel

Ich bringe nun eine Einteilung von Symbolhierarchien, also eine Einteilung der Symbole nach Bedeutungsgraden in Hinblick auf Strukturerkennung, Orientierung und Lebenswichtigkeit. Es liegt natürlich eine gewisse Willkür in diesem Schema. Da dies jedoch keine mathematische Formel ist, sondern eine Einteilung, muß diese ja einer menschlichen Willkür unterliegen.

   Symbole auf der Basis unseres Körpers

   Symbole aus allgemeinen Umweltstrukturen

   Symbole aus unserer zivilisatorischen Alltagsumwelt

   Symbole aus der individuellen Lebenserfahrung

 Symbole auf der Basis unseres Körpers

Raum- und Zeitorientierung

Ursprung und Quelle unserer Orientierung und Beurteilung der Welt ist unsere Gestalt. Aus unserer bisymetrischen Bauweise ergeben sich zwei Hauptrichtungen des Agierens und (visuellen) Wahrnehmens und zwei Zwischenbereiche. Es sind die Hauptbereiche unserer zweidimensionalen Welt (nämlich die Oberfläche des festen Bodens) auf der wir uns bewegen. Es gibt dann noch zwei weitere Richungen, die wir teilweise wahrnehmen können, die jedoch nicht unserem Lebensraum angehören. Es sind dies Oben und Unten. Hinauf zur Sonne, den Sternen, Wolken und Vögeln können wir nur hinblicken und was unter uns ist, in der Erde, ist uns verborgen.

   Handlung

   Nach vorne bewegen wir uns fort und nach vorne können auch unsere Hände als Handlungsorgane optimal eingesetzt werden.
   Rückwärts ist genau das Gegenteil der Fall - wir können uns kaum nach rückwärts fortbewegen und auch kaum nach rückwärts handeln.

   Wahrnehmung

Verstärkt wird die auf vorne und rückwärts bezogene Handlungsfähigkeit durch eines der wesentlichsten Sinnesorgane, nämlich die Augen:
   Nach vorne sehen wir und als Folge dessen erkennen wir (deshalb dem Bewußten zugeordnet)
   Nach rückwärts können wir nicht sehen, und fühlen uns von dort aus unsicher und bedroht. (deshalb dem UBW zugeordnet)

Die Seitenbereiche sind Zwischenbereiche, bzw. Übergangsbereiche, sowohl was die Handlungsfähigkeit, die optische Wahrnehmung und auch die Symbolik anbelangt.

   Rauminterpretierte Zeitsymbolik

   Vor uns liegt der Weg, den wir zu beschreiten beabsichtigen (Zukunft)
   Hinter uns ist der Raum, den wir durchschritten haben (Vergangenheit)

Weitere Beispiele hierfür finden sich in dem nachfolgenden Kapitel: Die Grundordnung der Symbole (vermischt mit Symbolen, welche sich aus allgemeinen Umweltstrukturen ableiten.

  Symbole aus allgemeinen Umweltstrukturen

Unserer Umwelt würde sich ein Chaos unzähliger Symbole ablesen lassen. Das Programm unseres Gehirnes, welches zur Entscheidungsfindung Prioritäten der Wahrnehmung und des Handelns finden muß, muß zu diesem Zweck auch Prioritäten in der Bedeutung der Elemente der Umwelt setzen. Was in der Umwelt bedeutungsvoll ist, entscheidet unsere Biologie. Es sind jene Elemente, die für unsere Existenz essenziell sind.

© copyright Alfred Ballabene, Wien

Unter den Umweltgegebenheiten, finden sich solche, welche schon seit Jahrmillionen für unsere Spezies und ihre Entwicklungskette entscheidend waren. Diese haben sich tief in das instinktive Verhalten eingeprägt und sie waren auch entscheidende Elemente für die körperliche Gestaltung der Vielfalt von Lebewesen. Auf Grund ihrer archäischen Bedeutung werden diese Symbole hier "kosmische" Symbole genannt. Den Begriff Archetypen verwende ich deshalb nicht, weil dieser Begriff einer anderen Theorienbildung angehört und auch nicht ausreichend zwischen Symbolhierarchien unterscheidet.

Einige wichtige Symbole dieser Kategorie:

    Hell- und Dunkelpolarität

   "Himmel" und "Hölle" (Ordnung u. Chaos) des Oben u. Unten

    Allgemeine topographische Gegebenheiten

    Die vier Elemente, ihre Erschließbarkeit u.   Durchsichtigkeit

Beispiele hierfür finden sich in den nachfolgenden Kapiteln mit den Themenschwerpunkten:
Die Grundordnung der Symbole - Bar/Balg-Strich etc. - Die vier Elemente

 Symbole aus unserer zivilisatorischen Alltagsumwelt

Diese Symbole stehen tiefer als die "kosmischen" Symbole. Beispiel der Dominanz eines "kosmischen" Symboles über ein Alltagssymbol: Wir befinden uns in einem Raum, sei es Keller oder Wohnzimmer. Von oberster Bedeutung für die Zuordnung (ob UBW- od. BW-Bereich) wird die Beleuchtung sein. Das Licht gehört der zweiten Hierarchie an. Das Licht ist jedoch nur ein "kosmisches" Hilfsmittel und einer höheren Wertigkeit untergeordnet, nämlich jener des Sehens und des daraus resultierenden des Erkennens.

    Lebensräume (Straßen, Häuser etc.)

   Mittel der Fortbewegung (zu Fuß, Auto, Bahn etc.)

    Hindernisse und Hilfen bei der Wegfindung

    Kommunikationselemente wie Radio, Telefon etc.

Beispiele hierfür finden sich in den nachfolgenden Kapiteln mit den Themenschwerpunkten:
Der Lebensraum des Menschen - Fortbewegung u. Lebensbewältigung - Der Weg - Menschengestalten - Tiere im Traum - Pflanzen im Traum - Schwellen - Hüter der Schwelle - Symbole innerer Reifung.

 Symbole aus der individuellen Lebenserfahrung

Es handelt sich hierbei nicht nur um einzelne Symbole, die jeder für sich in mühsamer Traumarbeit selbst herausfinden muß, sondern auch um Nuancierungen und Einfärbungen, welche Symbolen höherer Hierarchie auferlegt werden. Vergessen wir nicht, daß die Symbole aus der Erfahrung des Individuums gebildet werden und somit zwangsläufig eine individuelle Prägung erhalten.

 

© copyright Alfred Ballabene, Wien