Traumyoga

 Traumyoga ist eine uralte Yogadisziplin mit der Zielsetzung in der Versenkung zu reisen, Licht zu sehen, Energien anzuregen und anderem mehr. Da sich der Vajrayana-Buddhismus aus tantrischen Yogadisziplinen entwickelt hat, gibt es auch im Vajrayana-Buddhismus Disziplinen, die sich mit Traumzuständen und Traumqualitäten, bzw. dem Überschreiten des Traumzustandes befassen.

Das Traumyoga des Vajrayana Buddhismus ist einer der sechs Yogadisziplinen von Naropa und wurde leider im Laufe der Zeit in seiner Überlieferung immer stärker dogmatisiert. Es gab ihn auch im tibetischen Bön, der ebenfalls wie die Väter des Vajrayana Buddhismus (die 84 Mahasiddhas), vom indischen Tantra Yoga geprägt war.

Im Unterschied zum westlichen Astralreisen (deutsche Abkürzung AKE, engl. OBE) hat der tibetische Traumyoga eine andere Zielsetzung und eine andere Vorgehensweise.

Die Zielsetzung im tibetischen Traumyoga ist Gedankenstille und Auflösung der "illusionären Traumbilder" in Licht. Gleich dem westlichen Astralreisen soll auch hier die Tagesklarheit und Wachheit aufrecht erhalten bleiben, jedoch mit einem anderen Ziel. Während das westliche Astralreisen zumeist in einem Astraltourismus verflacht, bemüht man sich im tibetischen Traumyoga die Illusion des Formhaften zu überwinden und im Licht aufzulösen.

Im alten Tantrayoga war die Vorgehensweise folgende:

In der ersten Phase der Verwirklichung (Stadium luziden Träumens) bemühte man sich den Fluss des Geschehens anzuhalten und innerhalb des luziden Traumzustandes zu meditieren. Die Meditationen gelingen in diesem Zustand besser als im Wachzustand. Es treten samadhi-artige ekstatische Zustände auf und der Energiefluss (Kundalini) lässt sich leichter beleben und lenken.

In der dogmatisierten gegenwärtigen Überlieferung wird um den Traumyoga ein kompliziertes Lehrgebäude aufgebaut. Zudem heißt es, dass die tradierten Übungen nur dann ihre volle Kraft entwickeln können, wenn sie von einem befugten Meister weiter gegeben werden. Die ursprüngliche Traum-Lehre der Mahasiddhas war natürlicher und weniger ritualisiert.

Hauptsächlich bestand der Traumyoga in einer einfachen und einleuchtenden Technik, die jedoch nur von Asketen durchführbar war, die nicht in einen Arbeitsprozess eingespannt waren oder familiären Verpflichtungen nachkommen mussten. Hierzu verwendeten sie eine eigens konstruierte Sitzkiste.

Es gibt verschiedene Yogaarten mit Meditationsperioden, in welchen durch Tage oder einige Wochen intensiv Tag und Nacht ununterbrochen geübt wird, mit nur kurzen Unterbrechungen durch Essen und Trinken oder durch Bewegung, etwa Hatha Yoga Übungen, um den Körper nach der vorhergehenden reglosen Haltung zu durchbluten und zu beleben. Durch die Ausschließlichkeit der Hinwendung (es treten autohypnotische Automatismen auf), durch die Tiefentspannung und einem fast anhaltenden hypnagogen Zustand (Zustand zwischen Schlafen und Wachen) lassen sich die inneren Zielsetzungen besser und schneller realisieren. Hierbei werden sogenannte "Meditationskisten" verwendet.

Eine Meditationskiste ist ein Sitzbehelf mit Rücken- und Seitenstützen und eventuell auch einer Stütze auf der Vorderseite gegen ein nach vorne Umkippen.

Bei so langer Meditationsdauer ist es selbstverständlich, dass der Yogi in Kurzschlafperioden fällt und sein Körper umkippen würde, gäbe es nicht diese Vorrichtung. Hier in dem Bild sehen wir statt einer Vorderstütze einen Riemen oder Seil, mit dem der Yogi seine Beine zusammengebunden hat, um dadurch seine Haltung zu verfestigen - ebenfalls eine Hilfe gegen Umkippen.

Sitzkiste wie sie von Mahasiddhas verwendet wurde

Ich kann mir vorstellen, dass die Asketen des Himalaya in ihren verfestigten Sitzhaltungen und mit ihren anhaltenden Meditationsperioden relativ schnell eine Traum-Bewusstheit erlangen konnten. Die Träume dürften in den Kurzschlafphasen während der Meditation kurz gewesen sein, waren jedoch sicherlich als Folge der Meditationen sehr plastisch und lichtintensiv (leuchtende Farben).

Wenn man Beruf und Familie hat, lässt sich ein derlei intensiver Traumyoga nicht machen. Bei uns hat sich eine Version durchgesetzt, die innerhalb der Nacht oder in Ausruhphasen durchgeführt werden kann. Es läuft unter der Bezeichnung "luzides Träumen" (LD) oder als "Astralreisen" (OBE, AKE).

Ein Beitrag, bezugnehmend auf den tibetischen Traumyoga, aus dem Klartraumforum (Zitat am Ende des Artikels):

Ob Tholey, LaBerge, Gackenbach, Garfield oder die verschiedenen Vertreter des tibetischen und sufistischen Traumyoga, sie alle sehen transzendentale Einsicht als den Gipfel der Traumkunst.
Wer also die aufregende Phase der Erkundung unserer Fähigkeiten im Klartraum hinter sich hat (z. B. Fliegen, Staunen, Traumsex, Gestalt- und Umgebungswechsel, „magische Fähigkeiten“, etc.), die einige Jahre dauern kann, wendet sich vielleicht den Techniken des tibetischen Traumyoga zu. Dort (vor allem bei den bekannten Ansätzen von Namkhai Norbu und Tenzin Wangyal) steht die Kontinuität des Bewusstseins im Wachen, Träumen und Schlafen im Vordergrund, um „Rigpa“, die Natur des Geistes, den Urgrund des Seins, zu erfahren. Dieser ist in Wirklichkeit unser natürlicher Zustand, nur das wir ihn gewöhnlich nicht als solchen erkennen.
Bis meine Kinder kamen, war ich ein geradezu fanatischer Traumyoga-Adept. Die Übung von Gewahrsein, ob im Wachen oder Träumen, war der totale Mittelpunkt meines Lebens; etliche Jahre waren ein Pilgern zu zahlreichen Lehrern verschiedener spiritueller Traditionen. Sporadische Phasen von Erkenntnis stellten sich ein, Illusionen dauerhaften Erwachens, gefolgt von ernüchterndem Rückfall in alle Begrenzungen der Persönlichkeit.
Mit Kindern, beruflicher Verantwortung wurde es fast unmöglich der Meditation und dem Traumyoga mit seinen vielen Schlafunterbrechungen soviel Raum zu geben wie bisher. Zahlreiche Verpflichtungen erschwerten die kontinuierliche Achtsamkeit erheblich. Eine Reihe von Freunden und Bekannten, die mit mir viele Jahre noch als Singles auf ähnlichen Pfaden unterwegs waren, ging es ähnlich, sobald die Familie mit allen Konsequenzen kam.
Der schnöde Alltag mit Kindern (oder in meinem Fall die pädagogische Arbeit) bringt sehr schnell alles Verdrängte ans Licht. Im Aschram, in der entlegenen Natur oder auf dem Meditationskissen kann man sich sehr leicht als „frei“ erleben und dann völlig vom westlichen Alltag mit seinen zahlreichen Widerhaken überrollt werden.
(Aus: http://www.klartraumforum.de/, Beitrag 155, Registriert  Mar. 2003)

Der oben gebrachte Artikel bringt deutlich das Problem der orthodoxen Methoden des Traumyoga mit seinen Dauermeditationen zum Ausdruck. Die für uns geltende Lebensart führt notgedrungen dazu, dass sowohl die Methodik und mitunter auch die Zielsetzung anders sein muss.

Meines Erachtens wäre eine brauchbare Zielsetzung: Selbstanalyse, Selbsterkenntnis, Selbstbeobachtung und Selbstgestaltung. In der westlichen Disziplin luziden Träumens wäre demnach nicht die Erleuchtung das Ziel, sondern der Weg dort hin. Hierfür wäre ein Studium der Traumsymbole und eine darauf aufbauende Traumanalyse, etwa nach CG. Jung, ausreichend. Es gibt auf diesem Gebiet hervorragende und umfangreiche Literatur - womit sich ein diesbezüglicher Beitrag hier erübrigt. Was in der Literatur anscheinend fehlt sind Seh-Übungen, die sich sehr stark auf die Bewusstheit und Plastizität des Träumens auswirken, bis hin zu spontanen luziden Träumen bzw. OBEs. Dieses seltene Wissensgebiet wird hier ausführlich gebracht.

 

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