Verhaltensmuster

Der Hammer

Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, aber nicht den Hammer. Der Nachbar hat einen, das weiß er. Also beschließt er, hinüberzugehen und sich beim Nachbarn dessen Hammer auszuborgen. Doch während er dies erwägt, kommen ihm Zweifel: Was, wenn ihm der Nachbar den Hammer nicht leihen will? "Gestern schon grüßte er mich nur flüchtig", dachte er, "vielleicht war er in Eile. Aber vielleicht war die Eile nur vorgeschützt, und er hat etwas gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts angetan, der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Menschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht's mir wirklich!“

Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch noch bevor er überhaupt "Guten Tag" sagen kann, schreit ihn unser Mann an: "Dann behalten Sie Ihren Hammer doch, Sie Blödian!"

nach Paul Watzlawick "Anleitung zum Unglücklichsein"

Der Tempel mit den tausend Spiegeln

In einem fernen Land gab es vor langer, langer Zeit einen Tempel mit tausend Spiegeln und eines Tages kam, wie es der Zufall so will, ein Hund des Weges. Der Hund bemerkte, dass das Tor zum Tempel der tausend Spiegel geöffnet war und vorsichtig und ängstlich öffnete er das Tor und ging in den Tempel hinein. Und Hunde wissen natürlich nicht, was Spiegel sind und was sie vermögen und nachdem 2 er den Tempel betreten hatte, glaubte er sich von tausend Hunden umgeben. Und der Hund begann zu knurren und er sah auf die vielen Spiegeln und überall sah er einen Hund, der ebenfalls knurrte. Und er begann die Zähne zu fletschen und im selben Augenblick begannen die tausend Hunde die Zähne zu fletschen und der Hund bekam es mit der Angst zu tun. So etwas hatte er noch nie erlebt und voller Panik lief er, so schnell er konnte, aus dem Tempel hinaus. Dieses furchtbare Erlebnis hatte sich tief in das Gedächtnis des Hundes vergraben. Fortan hielt er es für erwiesen, daß ihm andere Hunde feindlich gesinnt sein mussten. Die Welt war für ihn ein bedrohlicher Ort und er ward von anderen Hunden gemieden und lebte verbittert bis ans Ende seiner Tage.

Die Zeit verging und wie es der Zufall so will, kam eines Tages ein anderer Hund des Weges. Der Hund bemerkte, dass das Tor zum Tempel der tausend Spiegel geöffnet war und neugierig und erwartungsvoll öffnete er das Tor und ging in den Tempel hinein. Und Hunde wissen natürlich nicht, was Spiegel sind und was sie vermögen und nachdem er den Tempel betreten hatte, glaubte er sich von tausend Hunden umgeben. Und der Hund begann zu lächeln und er sah auf die vielen Spiegeln und überall sah er einen Hund, der ebenfalls lächelte - so gut Hunde eben lächeln können. Und er begann vor Freude mit dem Schwanz zu wedeln und im selben Augenblick begannen die tausend Hunde mit ihrem Schwanz zu wedeln und der Hund wurde noch fröhlicher. So etwas hatte er noch nie erlebt und voller Freude blieb er, so lange er konnte, im Tempel und spielte mit den tausend Hunden. Dieses schöne Erlebnis hatte sich tief in das Gedächtnis des Hundes vergraben. Fortan sah er es als erwiesen an, dass ihm andere Hunde freundlich gesinnt waren. Die Welt war für ihn ein freundlicher Ort und er ward von anderen Hunden gern gesehen und lebte glücklich bis ans Ende seiner Tage.

Fabel aus Indien

Die besten Samen teilen

Ein Bauer, der auf Landwirtschaftsmessen häufig den ersten Preis gewann, zeigte ein bemerkenswertes Verhalten. Er teilte nämlich seine besten Maissamen mit seinen Nachbarn, die sich verständlicherweise darüber freuten. Seine Konkurrenten wunderten sich über seine Großzügigkeit und fragten, warum er das denn tue. Die Antwort: "Das liegt doch in meinem eigenen Interesse. Der Wind trägt bekanntlich die Pollen von den Nachbarfeldern zu meinen Feldern. Was würde wohl geschehen, wenn meine Nachbarn minderwertigen Mais anbauen? Dies würde die Qualität meines Mais beeinträchtigen. Da muss es doch in meinem Interesse sein, dass sie nur den allerbesten Mais anpflanzen!"

aus: Jürgen Fuchs: Das Märchenbuch für Manager

Die Maus

 

Es kam ein Patient zum Arzt und klagte: „Angst beherrscht mein Leben. Sie hat mir alle Freude genommen."

Der Arzt erzählte dem Patienten darauf eine kleine Geschichte: „Hier in meiner Praxis lebt eine Maus, die an meinen Büchern knabbert. Mache ich zuviel Aufhebens von der Maus, wird sie sich vor mir verstecken und ich werde nichts anderes mehr tun, als sie zu jagen. Stattdessen habe ich meine wertvollsten Bücher an einen sicheren Platz gestellt und ich erlaube ihr, an den anderen zu knabbern. Auf diese Weise bleibt sie eine einfache, kleine Maus und wird nicht zu einem Monster. Mein Rat lautet also: Richten Sie Ihre Angst auf einige wenige Dinge, dann bleibt Ihnen Mut für das, was wichtig ist."

aus: Khalil Gibran / Der Wanderer, leicht modifiziert

Die Nussbäume

Als der König eines großen Reiches eines Tages durch sein Land reiste, kam er an einem Sonnen beschienenen Hang vorbei. Dort sah er einen ehrwürdigen, sehr alten Mann mit gekrümmtem Rücken arbeiten. Gefolgt von seinem Hofstaat trat der König näher und sah, dass der Alte kleine Stecklinge pflanzte. "Was macht Ihr da?" fragte der König. "Ich pflanze Nussbäume", erwiderte der Greis. Der König wunderte sich: "Ihr seid schon sehr alt. Weshalb tut Ihr das? Ihr werdet es nicht mehr erleben, die Laubkronen Eurer Bäume zu sehen. Ihr könnt erst recht in ihrem Schatten nicht mehr ruhen. Und auch ihre Früchte werdet Ihr nicht mehr essen."

Der Alte richete sich auf, schaute dem König in die Augen und sprach mit großem Ernst: "Die vor uns kamen, haben gepflanzt, und wir konnten ernten. Wir pflanzen nun, damit die, die nach uns kommen, auch ernten können." Damit wandte er sich ab, kniete nieder und pflanzte weiter seine Stecklinge.

(nach: Marco von Münchhausen/„Auszeit - Inspirierende Geschichten für Vielbeschäftigte", leicht abgewandelt)

Der Rabe und der Fuchs

Im Schnabel einen Käse haltend,

hockt auf einem Baumast Meister Rabe.

Von dieses Käses Duft herbeigelockt,

spricht Meister Fuchs, der schlaue Knabe:

„Ah, Herr von Rabe, guten Tag!

Ihr seid so nett und von so feinem Schlag!

Entspricht dem glänzenden Gefieder

auch noch der Wohlklang Eurer Lieder,

dann seid der Phönix Ihr in diesem Waldrevier."

Dem Raben hüpft das Herz vor Lust.

Der Stimme Zier möcht' er nun lassen schallen;

er tut den Schnabel auf –

und lässt den Käse fallen.

Der Fuchs nimmt ihn und spricht:

„Mein Freundchen, denkt an mich!

Ein jeder Schmeichler mästet sich

vom Fette dessen, der ihn gerne hört.

Die Lehre sei dir einen Käse wert!"

Der Rabe, scham- und reuevoll, schwört,

etwas spät, das ihm so was nie mehr passieren soll.

(La Fontaine, 1621–1695)