Verhaltensnormen

Alle Religionen und auch der Yoga haben Vorstellungen wie ihre Mitglieder das Leben führen sollen. Alle, inklusive dem indischen Yoga, haben hierfür moralische Regeln aufgestellt. Moral hat jedoch nichts mit Ethik zu tun, sondern ist eher eine konventionelle Übereinkunft nach der innerhalb eines Volkes oder einer Gemeinschaft im Sinne eines reibungslosen Zusammenlebens gelebt werden soll. In Indien gehört etwa zu einem moralischen Leben (und das gilt auch für die alten Lebensregeln des Jnana Yoga) das Kastenwesen zu respektieren und zu unterstützen, Priester zu ehren, die Hauptfeste innerhalb des Lebens zu halten und vieles mehr wofür wir Europäer kein Verständnis haben.

Im höheren Yoga bemüht man sich von Moralismen frei zu werden und herauszufinden was Ethik im Sinne von All-Liebe ist und sich danach zu orientieren. Es wäre jedoch nicht gut, den alten Yoga ob seiner Anhaftungen an Traditionen zu verwerfen. Die im modernen Yoga vertretene Gewaltlosigkeit bevorzugt eine Veränderung und ein Wachsen nicht durch einen Vorgang der Revolution, sondern durch Verständnis, Anpassung und Weiterentwicklung. Aus dieser Warte ist es gerechtfertigt auf alte Einteilungsstrukturen zurück zu greifen, diese jedoch in einem modernisierten Yoga neu zu interpretieren. In diesem Sinne werden keine starren neuen Regeln etabliert, sondern eher Anreize zum Nachdenken gegeben mit dem Hinweis eine eigene Wahrheitsfindung zu suchen.

 Einfach nur als Anregung zu bewerten und nicht als Gebot:

Lebensregeln: 

  • Achte alles Leben. Töte ein Tier nur dann, wenn es Dich oder Deinen Besitz schädigt (Stechmücken, Motten) oder wenn Du es als Nahrung benötigst. Sonst sei gut zu allen Tieren, beschütze sie und hilf ihnen. 
  • Versuche nicht die Natur unnötig in Deine Vorstellungen von gepflegt und nützlich hinein zu zwängen. 
  • Bezwinge Eigenschaften wie Faulheit, Aggression, Neid und Eitelkeit. 
  • Sei bescheiden in Deiner Lebensausstattung und Lebenshaltung. 
  • Lerne wo immer Du lernen kannst.

 Zur blinden Befolgung von Geboten:

Sich durch blindes Befolgen eines Gebotes der Eigenentscheidung zu entwinden ist ein falscher Weg. Er entspringt der Angst vor der eigenen Fehlerhaftigkeit – man macht etwas nach Vorschrift und glaubt dadurch die Verantwortung wem anderen zuschieben zu können. So läuft es aber nicht.

Zur Frage "Nicht lügen":

Bist Du bereit den Tod oder die Verfolgung eigener Familienangehöriger, Freunde oder anderer Menschen auf Dich zu nehmen, nur weil Du den Häschern gegenüber das Gebot der Wahrheit einhältst und ihnen über alles Auskunft gibst? In diesem Fall wäre Deine Eigenliebe – Dich selbst als einen fast heiligen Menschen zu sehen – größer als Verantwortung und Liebe. Aus Eigeninteresse dem Gebot der Wahrheit zu gehorchen ist extremer Egoismus.

Zur Frage "Nicht töten":

Aus dem ebook "Der Tod und sein Lehrling" von A. Ballabene:

Nehmen wir an: vor uns steht eine Pflanze, etwa eine Zimmerprimel oder eine Pantoffelblume. Diese zwei Pflanzen wurden als Beispiel ausgewählt, weil sie besonders leicht Blattläuse bekommen. Jetzt haben wir eine solche Zimmerpflanze vor uns, über und über voll Blattläusen. Die Pflanze kränkelt und ist im Begriff einzugehen, einzelne Blätter beginnen gelb zu werden. Wir nehmen ein Insektizid, um die Pflanze zu retten. Schließlich ist sie unserer Obhut übergeben und in ihrem Gedeihen von uns abhängig. Ihr Leben liegt in unserer Hand, wir sind für sie verantwortlich. Mit der Sprühdose in der Hand blicken wir auf das emsige Leben der Blattläuse. Zu unserer Verwirrung stellen wir fest: auch die Blattläuse leben. Es sind sicher weit über hundert. Wir beugen uns näher heran und beobachten sie. So wie uns die Schönheit der Blüten fasziniert hat, so blicken wir jetzt in tiefer Ehrfurcht auf das vitale Leben vor uns. Für einen Moment herrscht Ratlosigkeit. Was sollen wir tun? Wenn wir die Blattläuse mit dem Insektizid bekämpfen, haben wir viele Leben getötet. Wenn wir nichts unternehmen, dann haben wir indirekt die Pflanze, die ebenfalls lebt getötet. Können wir uns der Entscheidung zu töten entwinden? Was ist ethisch, weg zu sehen oder zu handeln? Was fordert die Ideologie des Nicht-Tötens, die Lehre von Gut und Böse? Sollen wir die Pflanze oder die Blattläuse am Leben erhalten? Die ach so einfache Ideologie von "Gut und Böse" und vom "Nicht-Töten" versagt bereits vor diesem kleinen, alltäglichen Beispiel!

Und jetzt betrachten wir alles aus egozentrischer Warte: „Wenn sich mein Karma aus den Folgen guter und schlechter Taten zusammen setzt, ist es doch wesentlich Klarheit darüber zu finden, was als Handlung richtig ist. Schließlich geht es ja nicht um Primel, Pantoffelblume oder Blattläuse, sondern um Entscheidungen, die ich permanent während eines jeden Tages treffen muss, zu meinem eigenen Wohl. Darf ich Fleisch essen, womit ich mich indirekt für den Tod eines Tieres verantwortlich mache? Wenn ich Gemüse esse, sind Kohl und Salat etwa nicht auch Lebewesen? Sie können zwar nicht schreien wie Tiere und sich nicht bewegen, aber gibt das uns das Recht ihnen Leben abzusprechen oder ihr Leben als minderwertiger zu beurteilen?“

Vayu legte den Kugelschreiber zu Seite und ließ seine Gedanken wandern. „Es gibt Fundamentalisten, welche sich das Denken verbieten und sich nach heiligen Schriften orientieren. Für die ist alles klar. Wahrscheinlich werden sie sich an eine Rangordnung halten, wie etwa Blattlaus steht höher als Primel, Huhn steht höher als 3 Salat. Man lässt die Primel eingehen oder verschenkt sie schnell. Man isst Salat statt Huhn.

In Indien gibt es eine Sekte heiliger Sadhus, die, damit sie ja kein Leben töten, bei jedem Schritt den Boden vor sich kehren. Sie kehren die kleinen Tiere weg, damit sie ja nicht durch den schweren Fuß des Menschen zerquetscht werden. Diese Sadhus, welche das Leben der Tiere so hoch schätzen, haben noch nie Tiere beobachtet. Sonst müssten sie wissen, wie zart und empfindlich etwa Spinnen sind. Wenn sie weggekehrt werden, sind sie tot, zu Tode geschliffen, zerquetscht durch den Besen, auch wenn es ein Haarbesen ist. Durch das Kehren wird der Weg der Verwüstung und des Tötens viel breiter, als durch die vereinzelten Fußstapfen. Aber das Gewissen des Fundamentalisten ist beruhigt.

Man muss sich fragen, was ist uns wichtiger, ein ruhiges Gewissen oder Ehrlichkeit? Es ist klar, diese Sadhus lieben nur sich selbst und wollen sich vom schlechten Karma frei halten. Die Tiere sind ihnen völlig egal. Sie haben ihnen nie auch nur das kleinste Augenmerk geschenkt; sie haben sie nie beobachtet. Liebe und Zuwendung veranlasst uns mit dem Wesen, das wir lieben, zu verbinden, es zu beobachten, es zu verstehen – das haben diese Sadhus nie getan, also lieben sie auch nicht. Haben sich diese Sadhus durch ihre Handlungen vor schlechtem Karma befreit? Nein sie betrügen sich selbst und nähren ihre Eitelkeit, indem sie sich als heilig und besser als andere Menschen empfinden!“

Nachdem Vayu diese Gedanken durchgespielt hatte, nahm er wieder den Kugelschreiber und begann zu schreiben: „Wenn ich selbst leben will, so kann ich das nur auf Kosten anderen Lebens. Tiere oder Pflanzen müssen sich für mich opfern. Ja, ich will das, wenn auch unfreiwillige Verschenken des eigenen Lebens an mich, als Opfer betrachten. Und hierfür will ich dankbar sein. Es gibt kein höheres Geschenk als sein eigenes Leben anzubieten, deshalb will ich auch aus tiefem Herzen hierfür danken. Wenn mein Leben durch die Aufopferung anderer erhalten wird, so sollen diese Opfer nicht sinnlos vergeben worden sein, nicht etwa, um meinen Egoismus zu nähren. Nein, ich will mich aus Dankbarkeit dazu verpflichten ein gutes Leben zu führen, nach bestem Wissen und Gewissen. Vielleicht gelingt es mir nicht, ein "gutes“ Leben zu führen, aber bemühen will ich mich darum. Alleine das Bemühen schon genügt, wenn es ehrlich ist. Dass wir oft scheitern, müssen wir in Bescheidenheit akzeptieren lernen.“ „Zurück zu den Begriffen „Gut und Böse“. Es scheint ein Unsinn zu sein, Handlungen und Geschehnisse in „gut und böse“ einzuteilen. Wichtiger als "gut“ zu sein scheint mir das Bemühen um Ehrlichkeit. Es ist besser sich in Ehrlichkeit schwer lösbaren Situationen auszusetzen, als sich das Leben durch Befolgen gebotsartiger Richtlinien leicht zu machen.“

Viveka, nach dem Jnana Yoga - Unterscheidung zwischen Realität (= was unveränderlich ist, Brahman) und der Illusion (= was vergänglich ist, Maya).

Modernere Version der Fragestellung:

  • Was ist von bleibendem seelischen Wert und was ist lediglich ein illusionärer Wunsch?
  • Das Leben ist kein sinnloses Zufallsergebnis, sondern hat einen tieferen Sinn, denn wir sind unsterbliche Seelen. 
  • Wir sollen hier lernen zu verstehen und zu lieben. Nur zu konsumieren, uns zu vergnügen und die Tage, Monate und Jahre vorbei streichen zu lassen, heißt ein Leben ohne Sinn zu führen. Es macht ein Leben wertlos. Es gleicht einem Schuljahr, das man geschwänzt hat.

 

© copyright Alfred Ballabene, Wien