Vorgangsweisen im Yoga

 Yoga kann sehr vielfältig gelebt werden. Der Beginn eines Yogaweges besteht zumeist im Befolgen einer Reihe von Geboten. Diese Vorgangsweise gibt den Leuten die Sicherheit einer klaren Vorgehensweise und zudem lernen die Leute dadurch Disziplin, eine sehr wertvolle Eigenschaft.

© Gauri, Regensburg

Der Yoga wird als System begriffen und gelebt. Das schaut ungefähr so aus: Man macht detaillierte, oft anstrengende Übungen, kombiniert mit einer entspannten, tiefen und ruhigen Atmung. Man bewegt, bearbeitet, dehnt und öffnet den ganzen Körper. All das zusammen mit der Aufmerksamkeit auf Atmung, Körper und der inneren Ausrichtung auf Friede und Ruhe ist zugleich auch ein intensives Training des Geistes und der Wahrnehmung. Es kommen dann noch einige Lebensregeln dazu wie Bescheidenheit, Toleranz, Spazieren-Gehen oder was immer auch sonst. All das gibt am Anfang das sehr zufrieden stellende Gefühl eines Fortschrittes, der ein echter Lebensgewinn ist im Vergleich mit den Zeiten davor. Yoga hat sich somit durch dieses System als eine große Hilfe im Leben erwiesen.

Es gibt jedoch Leute, welche sich damit nicht zufriedengeben und mehr wollen. Ein zufriedenes Leben ist ihnen nicht genug. Sie wollen mehr, etwa hinter die Kulissen dieser Weltbühne schauen. Am Anfang versuchen sie das, indem sie das bewährte System des Yoga weiter verfolgen, das im genauen Einhalten eines Vorschriftenkataloges besteht. Aber sie kommen nicht weiter und Frust macht sich bemerkbar. Irgendwann erkennen jene, dass das Befolgen äußerer Regeln und Verhaltensweisen noch keinen inneren Erkenntnisprozess auslöst. Und hier beginnt die Geschichte von Severin, der sich in genau dieser Frustphase befindet und das voll und ganz.

"Allmählich jedoch machte sich bei Severin eine Leere bemerkbar. Er führte zwar ein ideales Yogaleben, wie ihm schien, aber er war weder glücklich noch hatte er das Empfinden in irgend einer Weise fortzuschreiten. Die Regeln des Jnana Yoga klangen sehr gut und logisch. Er hatte sie befolgt, und dennoch kam er hierbei nicht weiter, geschweige denn, dass er das Empfinden hatte sich der Erleuchtung und Erkenntnis einer absoluten Wahrheit zu nähern.

In dieser für Severin sich mit Frust zuspitzenden Situation hatte er einen Traum.

Im Traum ging Severin eine trostlose Straße entlang, die kein Ende nehmen wollte. Der Schneeregen peitschte ihm kalte Tropfen ins Gesicht, die wie Nadeln brannten. So entschloss er sich ein Kaffeehaus aufzusuchen, dessen Lichter einladend warm ein Paradies zu verkünden schienen. Severin trat ein und setzte sich an einen Tisch. Kurz darauf setzte sich ein junger Mann zu ihm, der zu Severins Schrecken Hörner auf dem Kopf hatte.

"Das ist der Teufel" schoss es Severin durch den Kopf. "Ja, ich bin der Teufel", gab ihm der Mann lächelnd zur Antwort. "Der hat meine Gedanken belauscht", schoss es Severin abermals durch den Kopf.

"Selbstverständlich höre ich alle Deine Gedanken", hörte er abermals den Teufel hoch zufrieden sagen. "Weshalb hast Du mich aufgesucht", fragte ihn Severin.

"Du denkst Tag und Nacht an mich", gab ihm der Teufel genüsslich zu verstehen. "Wir sind dadurch sozusagen ein festes Pärchen geworden."

"Darauf kann ich wohl verzichten", gab Severin angewidert zur Antwort. "denn Hilfe kann ich ja von Dir kaum erwarten, statt dessen versuchst Du mir alles schwer zu machen."

Der Teufel lachte. "Das stimmt nur teilweise. Ich mache Dir das Leben nicht leicht. Dennoch helfe ich Dir. Du würdest Deine Fehler ewig beibehalten, wenn ich nicht dafür sorgen würde, dass sie Dich drücken und schmerzen. Erst dann wenn es weh tut, beginnst Du darüber nachzudenken."

Severin blickte den Teufel ins Gesicht: "Du willst damit sagen, dass Du mir hilfst indem Du mir einen kräftigen Tritt in den Hinterteil gibst."

Der Teufel lachte. "Das ist ein guter Vergleich. Genau das ist meine Methode. Würde ich dir Streicheleinheiten geben, so würdest Du aus Bedürfnis danach noch mehr Fehler machen." "Gegen Deine Logik kann ich nicht an, zumindest nicht auf Anhieb", murmelte Severin missmutig. "Geht das nicht auch auf eine andere Tour?" "Sieh mal an, da akzeptiert jemand meine Hilfe! Ich muss schon sagen das kommt wirklich selten vor. Zum Beweis meiner Hilfsbereitschaft will ich Dir einen Rat zukommen lassen: Pass gut auf, in nächster Zeit wirst Du durch irgend jemanden oder irgend eine Situation einen Fingerzeig erhalten. Du musst es Dir durch Aufmerksamkeit verdienen. Wenn Du in bequemer Weise blind durch das Leben läufst, hast Du Deine Chance versäumt!"

Kaum hatte der Teufel das ausgesprochen war der Traum aus. Normalerweise legte Severin nur mittelmäßig viel Wert auf einen Traum. Dieser Traum aber schien ganz besonders zu sein. Und er war unglaublich wirklich. Der Traum war sogar wirklicher als die Alltagswirklichkeit, hatte er das Empfinden. Deshalb nahm er den Traum ernst und achtete tatsächlich auf irgend einen Fingerzeig, der ihm im Alltag begegnen könnte.

Es dauerte allerdings. Severin dachte schon fast, dass ihn der Teufel hinein gelegt hätte und nichts geschehen würde, als die angekündigte Situation dann doch eintrat. Er hatte Hunger und ging in ein Gasthaus, um eine Pizza zu essen. Es war gerade Mittagszeit und alle Tische waren besetzt. Ein kleiner Seitentisch mit einem einzigen Platz war jedoch noch leer und dort setzte er sich hin. Er musste lange auf seine Pizza warten und da er keine Zeitung hatte, lauschte er mehr oder weniger unabsichtlich auf das Gespräch, das zwei Männer mit Reitstiefeln am Nachbartisch führten.

Sie sprachen über ein Pferd

Was Severin zunächst hörte war ein Imponiergehaben und eine heldenhafte Selbstdarstellung des einen Reiters. Er hörte folgendes:

"In dem Reitstall war ein schwarzer Hengst. Ein prächtiger, muskulöser Vollbluthengst von einmaliger Schönheit. Er war zum Züchten gedacht und niemand wagte es ihn zu reiten. Tagaus und tagein stand er in seiner Box und lebte wie ein Häftling. Die enorme Kraft, die ihm anzusehen war, konnte sich nicht ausleben. Mir tat der Hengst leid und so bat ich den Besitzer des Reitstalles, mit dem ich befreundet bin, einmal den Hengst reiten zu dürfen. Der sah mich mit großen Augen an. "Das hat sich noch niemand getraut, meinte er." Aber da ich ein guter Reiter bin, hat er letztlich zugestimmt. Insgeheim hatte er sicher gehofft, dass ich den Hengst reiten könne, denn ein wenig Bewegung hätte ihm gut getan."

Der andere Reiter hatte sich vorgebeugt und war hoch gespannt zu hören wie das Abenteuer ausgegangen wäre.

"Ich führte den Hengst zum Reitviereck hinaus. Klar, dass ich nicht gleich mit ihm in die Landschaft ausreiten wollte. Den hätte man bei seiner Energie nicht mehr so schnell wieder finden können, wenn er mich abgeworfen hätte und frei gekommen wäre.

Ich begann also, oder hatte es zumindest vor, mit ihm einige Runden im Schritt zu gehen. Er ließ mich sogar aufsitzen, was bereits für mich ein großer Sieg war. Ich hatte zuvor versucht mich mit ihm anzufreunden und ihm ein paar Äpfel gegeben. Das schien sich anscheinend gelohnt zu haben. Also ich ließ ihn Schritt gehen. Er tänzelte und wich zur Seite aus. Ich hielt ihn vorne fest zurück und es schien, nach dem die Vorderbeine kurz gehalten wurden, als ob er mit den Hinterbeinen davon laufen wolle. Ich wollte ihn wieder auf Linie bringen und zügelte ihn strenger. Ein Pferd muss einem guten Reiter gehorchen, so war immer meine Devise. Wenn es gehorcht, ist es gut. Wenn es nicht gehorchen will, muss es dazu gezwungen werden!"

Als Severin diesen Ausspruch vom Reiter hörte horchte er nunmehr aufmerksamer zu. Das Gespräch schien für ihn interessant zu werden. Ein innerer Instinkt sagte ihm das.

"Ich versuchte den Hengst anzuhalten, damit er sich wieder beruhige. Doch der tänzelte weiter. Als ich ihn noch kürzer hielt, fing er zu buckeln an. Das wollte ich mir nicht bieten lassen und ich fasste ihn noch kürzer. Da stieg er auf! Ich dachte, ich sitze auf einem explodierenden Vulkan. Es wurde mir mulmig. Dann stand er senkrecht in der Kippe, wie mir schien. Ich weiß nicht, wieso ich mich noch im Sattel halten konnte. Krampfhaft hielt ich mich an der Mähne fest und klammerte mit den Beinen. Es war klar, der Hengst konnte sich in dieser Position nicht lange halten. Es schien als könne er das Gleichgewicht nicht mehr halten und würde nach hinten umkippen. Wenn er nach hinten fallen würde und damit rechnete ich bereits, dann würde er auf mich fallen und mich mit seinem Gewicht zu Brei zermalmen. Ein seitliches sich fallen lassen war in der Situation nicht mehr möglich. In dieser Sekunde flehte ich ein Gebet zum Himmel, ich, der ich schon seit meiner Kindheit nicht mehr gebetet hatte.

Das Pferd war an der Kippe

Dann geschah das Wunder. Der Hengst wich einige Schritte nach rückwärts, gewann sein Gleichgewicht und ging wieder runter. Ich stieg sofort ab. Mir schlotterten derart die Knie, dass ich nicht mehr gehen konnte, um den Hengst zurück zu führen. Deshalb blieb ich bei ihm stehen und tätschelte ihn ab, damit es aussehen würde als hätte ich alles im Griff." Nach der Schilderung dieses Abenteuers herrschte eine kurze Pause. Dann sagte der andere Reiter: "Schade, damit hat der Hengst seine letzte Chance verspielt einen Reiter zu finden, der sich um ihn kümmert."

"Nein, sagte der andere Reiter und seine Augen begannen zu glänzen. Zunächst wollte ich vor den anderen nicht zugeben, dass ich verloren hatte und aufgeben wolle. Deshalb führte ich den Hengst an der Halfterschnur aus, allerdings mit Zaumzeug, um ihn im Notfall besser im Griff zu haben. So gingen wir durch längere Zeit gemeinsam grasen und wir befreundeten uns. Ja, es wurde eine innige Freundschaft zwischen uns. Das hätte ich nie gedacht. Für mich war früher ein Pferd ein Sportgerät. Dieser Hengst aber wusste mich zu erziehen und wurde mein Freund. Ich bin ihn auch später dann wieder geritten. Da allerdings hatte ich von ihm schon viel gelernt: Ich wollte den Hengst nicht mehr bezwingen und ich wollte mich nicht mehr beweisen. Ich hatte ihn gleichsam als ebenbürtig akzeptiert. Ab nun waren wir Freunde auf gleicher Augenhöhe. Wenn ich ihn später geritten bin und er nicht ausgelastet war und unruhig wurde, so ließ ich ihn austoben. Die Kunst war nicht, wie ich früher dachte, ihn zu beherrschen, sondern die Kunst war ihn zu kontrollieren. Das war nur möglich, indem ich ihm ein hohes Maß an Freiheit ließ, nachgab, um ihn anschließend wieder fester in den Griff zu bekommen. Manchmal zog er auch mit mir ab. Allerdings kannte ich ihn mittlerweile so gut, dass ich es meist gleich am Anfang merkte, wodurch ich ihn in einen gepflügten Acker lenken konnte, was bei einem vollen Galopp nicht mehr möglich gewesen wäre und zu einen Sturz geführt hätte. Aber gleich am Anfang, wenn ich ihn in einen Acker lenkte, kostete ihm ein Galopp im weichen Boden so viel Energie, dass er bald wieder sanft war."

Der Reiter schloss seine Erzählung: "Der Hengst wurde nicht nur mein Freund, sondern auch mein Lehrer. Zuvor war ich ein Dompteur. Jetzt bin ich ein Reiter. Das verdanke ich ihm."

Der andere Reiter beugte sich noch weiter vor und fragte: "Können Sie mir sagen was das Wichtigste war, das Sie vom Hengst gelernt haben?"

"Etwa die Zügelführung habe ich von ihm gelernt: Wichtig ist, nach Annehmen folgt Nachgeben. Nachgeben ist die wichtigste Hilfe und weniger ist mehr!"

Bei den letzten Worten des Reiters blitzte in Severin eine vages noch nicht ganz fassbares Erkennen auf. Der Wirt brachte die Pizza und während Severin aß, begann er die gesamte Strategie seines bisherigen Weges zu überdenken. Allmählich rang er sich zu einer neuen Sichtweise durch. Er nahm sich vor nicht mit fanatischer Gewalt seine Ziele durchzusetzen, sondern Einsicht und wenn möglich auch eine Methode der inneren Erziehung zu entwickeln"

Statt mit Gewalt und erzwungener Disziplin nunmehr mit Einsicht im Yoga weiter zu kommen klingt sehr gut, führt aber meist ebenfalls zu Misserfolg. Ja warum? Nun deshalb: man gibt nach und verwechselt dies mit Einsicht. Man lässt seine Disziplin vergammeln. Das alles unter dem Motto, dass man etwas erleben will und dieses Erleben einem in der Selbsterkenntnis weiter bringt. Aber dieses Erleben erfolgt meistens nicht – und dann steht man auf einmal wieder völlig am Anfang. Man hat einen vollen Yogazyklus des Werdens und Vergehens absolviert – und der Frust ist jetzt so groß, dass die meisten aufgeben.

 Ein fiktives Gespräch:

"Gibt es da eine Abhilfe? Gibt es da eine Lösung in dieser Situation?"

"Ja, die gibt es und zwar in der Gestalt eines Guru!"

"Aber hören Sie mir auf mit diesen selbstgefälligen Besserwissern, die ewig monoton lächelnd aufgeplusterte Weisheiten aus modrigen Altschriften bringen!"

"Recht gesprochen, einen solchen Guru darf man sich eben nicht suchen!"

"Andere Gurus oder Gurinis habe ich noch nie gesehen, ja außer den schweigenden Gurus oder Gurinis, die einem Segen geben. Das schaut etwa so aus: wenn der Säugling Milch von der Mama bekommt, ich will mich da mal mit dem Säugling vergleichen, ist er zufrieden. Das ist also solange der Fall als der Yogaaspirant bei diesen heiligen Gurinis oder Gurus weilt. Wenn dann der Urlaub zu Ende ist und man wieder nach Hause arbeiten muss, dann bekommt der Säugling keine Milch mehr und er kann schreien bis er blau wird."

"Ja, diese Gurus, welche Sie beschrieben haben sind alles angenehme Gurus. Sie werden doch nicht einen unangenehmen Guru haben wollen?"

"Was soll das für ein verwirklichter Guru sein, der nicht abgeklärt und nicht voll Liebe ist?"

"Wer hat denn gesagt, dass ein solcher Guru keine Liebe hat? Ja, er ist manchmal brüsk und sagt Ihnen knallhart die Wahrheit ins Gesicht. Das müssen Sie aushalten, wenn ihnen ein Weg der Selbsterkenntnis was wert ist."

"Psychologen führen einen auch zur Selbsterkenntnis, ohne knallhart zu sein. Also irgendwie versteh ich das nicht!"

"Nun ja, Psychologen sind für gestresste Menschen oder für solche, die Probleme haben. Haben sie Probleme?"

"Nein, habe ich nicht!"

"Sehen Sie, deshalb brauchen Sie einen Guru, der ihnen Probleme verschafft!"

"Wie bitte, höre ich da recht?"

"Sie wollen ja keine Bücherweisheiten hören, sondern etwas erleben. Sie wollen aus einem Erleben etwas lernen, Sie wollen hinter die Kulissen schauen. Dazu braucht man Emotionen. Der Guru schaukelt Ihre Emotionen auf, bis sie etwas erleben. Ein Guru ist ein Dramatiker und kein Beschwichtiger."

"Sind sie ein Guru?"

"Ja"

"Und wie viele Schüler haben Sie?"

"Vier"

"Sehr erfolgreich sind Sie ja nicht."

"Ja, ich gebe es zu, ich bin nicht sehr erfolgreich. Das ist jedoch Ihr Vorteil. Wenn Sie mich aushalten, dann habe ich für Sie auch Zeit, kann Ihnen meine volle Kraft zukommen lassen. Hätte ich zehntausend Schüler, so könnten Sie nur ein zehntausendstel der Kraft und Zeit bekommen. Das wäre ein dürftiges Almosen."

"Und Sie meinen, dass ich fortschreiten werde, wenn ich Sie aushalte?"

"Dessen bin ich mir sicher!"

"Gut, dann will ich Ihr Schüler werden."

 

© copyright Alfred Ballabene, Wien