Was ist die Kundalini?

Bei kritischer Betrachtung konservativ "informeller" Schriften scheint es, dass niemand weiß, was die Kundalini wirklich ist. Zumindest gewinnt man diesen Eindruck, denn hinter vielen Fachwörtern, die tiefes Wissen vortäuschen, finden sich nicht die einfachsten Erklärungen wie etwa: Was ist die Kundalini? Wie entsteht sie? Warum ist sie einmal stärker und einmal schwächer? Die grundlegenden Fragen über das Wesen der Kundalini, etwa wie die innere Alchemie der Umwandlung von physikalischen zu feinstofflichen Kräften abläuft, werden auch hier nicht beantwortet - aus Mangel an Wissen, denn diesbezüglich gibt es viele Wissenslücken und wenig Einblicke. Eine solche Frage ist nicht bloß "theoretisch und unwichtig". Wenn man diese Frage beantworten könnte, so wüsste man auch warum mancher viel und andere wenig davon haben; was man gezielt tun müsste, um sie lenken oder verstärken zu können.

Wir sollten jedoch bei der Betrachtung der Wissenslücken großzügig sein. Was die Kundalini anbelangt, so verfügt der Yoga, aber auch viele Traditionen aus anderen Völkern, über ein gutes praktisches Wissen, das sich über die Jahrtausende angesammelt hat. Die Interpretation der Vorgänge allerdings steht auf schwachen Beinen. Das gilt jedoch für viele Fertigkeiten aus dem menschlichen Nahbereich. Nehmen wir ein Beispiel: die menschlichen Vorfahren konnten schon vor zwei oder drei Millionen Jahren gezielt Steine werfen. Aber um die Flugbahnen von Objekten berechnen zu können bedurfte es einer langen Zeit. Entwicklungsgeschichtlich hat das der Mensch erst in der letzten Sekunde erlernt, wenn wir an die Parabelbahnen von Flugobjekten denke.

Zu dem Begriff "aktive Kundalini".

Man verwendet diesen Begriff gerne dann, wenn sich auf Grund verschiedener Symptome die Kundalini in Aktivität zu befinden scheint. Die meisten Symptome sind eine Folge von Bewegung und Fluss und weniger eine Folge der Stärke (Energiemenge). Unausgesprochen nimmt man an, dass eine starke Kundalini automatisch in Bewegung kommt. Das muss nicht stimmen. Es kann aus dem Blickwinkel der Menge an Kraft wenig Kundalini vorhanden sein, dieses Wenige sich aber in einem starken Erregungszustand befinden. Etwa wie durch einen kräftigen Kaffee unsere Nerven aufgeputscht werden können. Eine aufgeputschte Kundalini ist kein erstrebenswerter Zustand. Er kann durch übermäßigen Sex, Stress oder falsch angewendete Übungen entstehen.

Durch das Internet ist die Konversation und der Informationsaustausch intensiver als er je in irgend einer Zeit oder irgend einem Land war. Das führt dazu, dass bislang kaum beobachtete Fakten in Erscheinung treten. Eine Beobachtung jüngerer Zeit ist folgende: eine Veranlagung zu einer starken Kundalinikraft kann vererbt werden. Das führt dazu dass es in der Bevölkerung viele Menschen mit ähnlichen Erfahrungen gibt, wie sie aus dem indischen Yoga bekannt sind. Dadurch wird ein breiter gestreutes und vielfältigeres Wissen um die Kundalini bekannt. Vielleicht gibt es dadurch in unserer jetzigen Zeit einen neuen Erkenntnissschub auf diesem Gebiet.

Vom Standpunkt einer spirituellen Entwicklung kann man sagen, dass eine gute Veranlagung erfreulich ist, man sie jedoch nicht überbewerten sollte. Es kann jemand viel mitbringen und nichts daraus machen. Und es kann jemand aus wenig viel, ja sogar sehr viel machen. Hier zeigt das Leben die innere Kraft des Menschen. Es ist nicht entscheidend was wir erben, sondern es ist entscheidend, was wir im Leben aus uns machen!

Was ist also die Kundalini?

Unter Kundalini versteht man einen Symptomkomlex, der sehr häufig bei veränderten Bewußtseinszuständen auftritt.

Laut der Lehre Tantra Yogas ist die Kundalini als Lebenskraft in jedem Menschen vorhanden. Sie ist nur unterschiedlich aktiv. Wenn sie aktiv wird, so erweckt sie nach dem Tantra Yoga, je nachdem, welches Energiezentrum (Chakra) durch sie angeregt wird, verschiedene Fähigkeiten. Es sollten hierbei solche Fähigkeiten angestrebt werden, welche tiefere Einblicke in die innere Natur des Menschen gestatten. Das ist das Ziel der verschiedenen Praktiken des Tantra Yoga und all seiner Spielarten wie Kundalini Yoga, Kriya Yoga und so weiter.

Die Kundalini ist nach dem Tantra Yoga nicht geheimnisvoll, wohl jedoch ihre Erweckung und das Entwickeln spezieller Fähigkeiten, zu denen durch die Kundalini der Zugang ermöglicht wird.

Die Symptome, welche dem Begriff Kundalini zugeordnet werden, sind relativ klar definiert:

  • Wellen, die den Rücken emporlaufen
  • Hitzeerscheinungen, bisweilen lokal, bisweilen den ganzen Körper erfassend.
  • Dazu kommen noch akustische Phänomene und
  • exstatische Zustände.

Dieser, der Kundalini zugeordnete Komplex von Symptomen und Zuständen ist schon seit Jahrtausenden bekannt und wird in den verschiedensten Kulturen beschrieben. Wenngleich die Ausdeutung je nach Religion und Kulturkreis unterschiedlich ist, so ist die beschriebene Symptomatik einheitlich. Es existiert ein gut entwickelter Erfahrungsschatz an Übungstechniken in jeder Kultur und Religion. Auch hier lassen sich einheitliche Grundzüge herausfinden.

Erscheinungsbild der Kundalini in OBE´s und in der Meditation:

Wärme und Hitze-Wahrnehmungen
Vibrationen, Wellen, Stöße, Schütteln
Töne wie Rauschen, Pfeifen, Summen etc.
Empfinden von einem kühlen Lufthauch
Lichtwahrnehmungen
Veränderte Bewußtseinszustände
Mediale und paranormale Erscheinungen

Die Frage nach der auslösenden Kraft ist nicht leicht zu beantworten - oder überhaupt nicht. In den diversen Religionen wird diese Kraft als göttliche Kraft definiert (z.B. "Heiliger Geist") und ist deshalb in einen streng religionsspezifischen Rahmen eingebettet.

Die Kundalini äußert sich je nach Ebene, in der sie wirkt, unterschiedlich. Gemäß den Wirkungsebenen äußert sie sich: physisch, astral, mental, spirituell.

In der Tradition des Yoga ist die Kundalini eine göttliche Kraft, die dem Menschen innewohnt. Die für den Yoga relevanten Hauptaspekte des Menschen sind Bewußtsein, mythologisch-philosophisch Shiva als höchster Bewußtseinsaspekt des Menschen (alle anderen Bewußtseinszustände werden als getrübt oder traumhaft bezeichnet), und die Lebenskraft (eine schöpferische magische Kraft), genannt Shakti, deren aktivste Erscheinung die Kundalini ist, die als solche auch Kundalinishakti genannt wird.

Die Kundalini wird in der Philosophie des Yoga nicht so einfach gesehen, wie sie in den westlichen Schriften zumeist beschrieben wird. Nach den Lehren des Kriya Yoga und anderer Yogarichtungen existieren von der Kundalini verschiedene Qualitäten der Manifestation. Damit in Zusammenhang stehen auch verschiedene Zustände, die sich in ihrer Tiefe unterscheiden.

Die Kundalini, welche im Rückenmark in Richtung Schädel emporsteigt, besitzt einen materiellen Aspekt (die organische Zuordnung von Wirbelknochen und Rückenmark), einen Astralen-, Mentalen- und Buddhi-Aspekt, wenn wir die uns geläufige theosophische Terminologie verwenden wollen.

 

© copyright Alfred Ballabene, Wien