Was ist Lernen?

Leider wird Lernen von vielen mit Auswendig-Lernen verwechselt. Das ist leider die ausschließliche Form des Lernens, welche in den Schulen gefördert wird. Für den Erwerb einer Sprache mag das gut sein. Für ein Verständnis in den Naturwissenschaften zum Beispiel ist diese Form des Lernens jedoch völlig ungeeignet. Naturwissenschaften erfordern ein Erkennen und Auswendig Lernen bringt uns da nicht weiter. Der Yoga wie ich ihn verstehe ist in seinem Erkenntnisprozess ähnlich den Naturwissenschaften.

Echtes Lernen ist Nachdenken. Der Stoff, über den nachgedacht werden soll, besteht aus eigenen Beobachtungen und Anregungen aus diversen Fremdbeobachtungen und Erklärungen.

Zum Beobachten: Die Fähigkeit des Beobachtens muss geschult werden. Sie ist uns nicht von der Wiege an mitgegeben. Die meisten Menschen können nicht beobachten. Sie schauen nur zu. Beobachten impliziert, dass man während des beobachtenden Vorganges sich fragt: Warum geschieht das? Aus welcher Ursache heraus geschieht es und welche Folgen hat es?

Unterschiede im Wissensinhalt:

Auswendig Lernen ist ein Glauben

Auswendig Lernen vermittelt uns ein Resultat auf schnellem Weg (auswendig Lernen geht schneller als Lösungsfindung durch Nachdenken). Wir wissen hierbei nie, ob das Resultat stimmig ist oder nicht, weil der Kontrollfaktor des Erkennens fehlt. Auswendig Lernen ist somit mit Glauben verbunden.

Nachdenken ist ein Verstehen

Nachdenken verursacht Mühe und Arbeit. Die Lösungsfindung kann schwer sein und oft müssen wir uns in der Peripherie der Frage umsehen, um durch Vernetzung zu einer Lösung zu finden. Wenn wir jedoch eine Lösung gefunden haben, dann können wir auch begründen warum etwas so und so ist.

Es gibt ein eindeutiges Kriterium, das uns erkennen läst, ob unser Lernen ein echtes Lernen war, nämlich eines, das uns einen Erkenntnisfortschritt erbracht hat: Freude und ein Glücksgefühl

Auswendig Lernen erzeugt kein Glücksgefühl. Bestenfalls bringt es das Gefühl eine Leistung vollbracht zu haben und in der Konkurrenz mit anderen Lernenden gut zu sein.

Etliche meinen dass sich der Lernprozess im Yoga mit einem Hineinfühlen und einer inneren Begegnung erfüllt. Das ist ein wichtiger erster Schritt. Wissen und Weisheit kann jedoch erst dann daraus entstehen, wenn das Wahrgenommene durch Nachdenken ergänzt und verstanden wird.

Ein Beispiel:

Wir haben einen leidenden Menschen vor uns. Wir fühlen uns in diesen Menschen hinein und fühlen tief dessen Leid. Damit haben wir sein Leid erfahren. 

Was wir nicht erfahren haben sind die Ursachen des Leides und der Sinn des Leidens. Anders ausgedrückt: wir erleben eine Situation, wissen aber nicht über die Ursachen, ihre Vernetzung und Folgen.

 

© copyright Alfred Ballabene, Wien