Wirkung auf Träume von gedachten Vorstellungen in Gegenüberstellung zum beobachtendem Schauen

 In der wissenschaftlichen Literatur wird oft Denken und Sehen in einen Topf geworfen. Hierbei glauben viele Autoren, dass die gedachten Vorstellungen gleitend in ein träumendes Bildersehen übergehen. Meines Erachtens handelt es sich hierbei jedoch um zwei völlig unterschiedliche Vorgänge.

Eine Betonung des Unterschiedes vom bildhaften Denken und Bildersehen ist deshalb wichtig, weil Denkvorgänge, auch wenn es bewusst durchgeführte gedachte Bildfolgen sind, beim Einschlafen in Träume abgleiten lassen. Das Bildersehen dagegen erhält die Beobachtungsfähigkeit. Das lässt sich folgend erklären: beim Denken identifiziert sich und involviert sich die Person mit dem Gedachten. Beim optischen Ansehen der Bilder bleibt der Betrachter außerhalb der Szenerie und kann deshalb einen Beobachterstatus aufrecht erhalten.

Halbbewusste Träume, wie ich sie beobachtet habe, sind meist wenig hinreißend und werden auch nicht von einer inneren Symbolwelt getragen. Es sind zumeist einfache Stadtwanderungen. Es zeigt sich bei mir in den halbbewussten Traumzuständen eine Art Doppelbewusstsein, wie es auch bei Tagträumern in der Alltagswelt vorkommen mag. Hierzu ein Auszug aus "Zwischen Traum und außerkörperlichen Erfahrungen", von A. Ballabene:

Meist sind die Träume dieser Kategorie folgendermaßen gekennzeichnet:

  • Die Umgebung ist nicht auffallend oder von irgend einem Unterhaltungswert.
  • Es gibt keine Kontakte zu anderen Personen.
  • Es wird zwar oft eine Begleitung registriert, diese aber nicht gesehen, sondern nur in kommentierenden Gesprächen mit einbezogen. Man erzählt dieser Person was man sieht, in einer ähnlicher Weise als würde man ein Selbstgespräch führen.
  • Fast immer besitzt diese Traumkategorie keine mitreißende Traumhandlung. Die Szenen, die ich in diesen Zuständen erlebte, waren eher kurz, wurden blasser, schienen nur noch als Fantasie zu existieren und verdichteten sich wieder zu einer visuell erlebten Umgebung. Es erweckte den Eindruck als wäre ich zwischen sinnierendem "Wachen" und Schlafen gependelt.

Ich könnte mir vorstellen, dass in diesen Zuständen die nur schwach wahrgenommene Umgebung ohne besondere Handlung langweilig ist, weshalb ich oft versucht hatte mich durch das Erfinden einer Geschichte zu unterhalten. Die unterhaltenden Fantasien haben im Gegensatz zu der fluktuierenden Wahrnehmung der erträumten Umgebung eine größere Beständigkeit. Sie setzen sich in den folgenden Kurzträumen ungebrochen fort, ohne allzu viel Rücksicht auf die dumpf wahrgenommene und veränderte Umgebung zu nehmen. Da ich gelegentlich eine, wenngleich minimale, Bewusstheit hatte, konnte ich mir bisweilen sowohl die Fantasien als auch die erträumte Umgebung nach dem Aufwachen merken.

Ähnliche Vorgänge einer Wahrnehmung der Umgebung und nicht darauf bezogene Gedanken sind in unserer Alltagswelt üblich. Die Trennung von Wahrnehmung und mentaler Ausrichtung wird beim Tagräumen verstärkt. Den oben geschilderten Träumen sehr ähnlich scheinen mir Menschen auf der Straße zu sein, an deren Mundbewegungen oder halblautem Gemurmel ich erkenne, dass sie in ihrer Aufmerksamkeit Denkvorgängen absorbiert werden die zur Umgebung beziehungslos sind. Sie verhalten sich ähnlich wie ich mich während des Schlafes in diesen seltsamen Astral-Traum-Zuständen verhalten hatte. Im Gegensatz zu halbbewussten Träumen können Straßenpassanten mit Selbstgesprächen schnell umschalten und sind in ihrer Aufmerksamkeit innerhalb von Sekundenbruchteilen präsent.

Hier ein Beispiel aus obigem Zitat, in dem wir einen halbbewussten Traum vor uns haben, in dem die Bildfolgen des Traumes "normal" sind, während die begleitenden Denkvorgänge auf einer eigenen Spur ablaufen und absurd sind (die Klarheit im Traum verminderte sich zunehmend):

Ich befand mich in Begleitung einer Frau in einer Altstadt und bewunderte die Fresken und Skulpturen der Gebäude. Immer wieder wies ich die Begleiterin auf diese Pracht hin. Es waren ausnehmend schöne Fassaden und die Gebäude in einem merkwürdig individuellen Stil gebaut. Ähnlich einem Jugendstil unter Betonung von abgerundeten Formen und Skulpturen. Aus einem unerfindlichen Grund bildete ich mir ein, mir eine Arbeit suchen zu müssen. Als ich einem Mann begegnete, es war ein gut aussehender Intellektueller, schlug ich ihm auf die Schulter und fragte ihn, ob er eine Arbeitsstelle für mich hätte. Er verneinte und blickte missbilligend auf seine Schulter, auf die ich ihm soeben einen kollegialen Schlag versetzt hatte.

Meine Wanderung durch die Altstadt führte mich dann zu einem Kaffeehaus. Es war gut besucht und nur wenige Tische waren frei. Ich war nach wie vor in Begleitung. Noch immer war ich vom Empfinden besessen durch eine Arbeitsstelle für meinen Lebensunterhalt sorgen zu müssen. Ich ging einige Tische weiter, wo auf dem Boden ein Kugelschreiber lag. Hierbei bildete ich mir ein, dass der Kugelschreiber der Chef des Lokales wäre. Ich tupfte mit einem Finger vor dem Kugelschreiber auf den Boden, um Kontakt für ein Gespräch aufzunehmen. Da kam ein Hund vorbei im Glauben, dass ich Stöckchen werfen wolle, nahm den Kugelschreiber in sein Maul und verschwand damit.

 In Anbetracht all der Beobachtungen bin ich zu dem Rückschluss gekommen, dass nicht das logische und sachlich bezogene Denken ein Hindernis zum Entstehen luzider Träume ist, sondern das sich verselbstständigende, fabulierende Denken. Das Bewusstsein trübende Fabulieren lernt man durch die Seh-Übungen unter Kontrolle zu bekommen. Das ist ein wichtiger Punkt der Seh-Übungen.

 

© copyright Alfred Ballabene, Wien